Er hatte sich in seiner Annahme, der Gerichtspsychiater werde den Fall falsch beurteilen, nicht geirrt, denn kaum gab er seiner Überzeugung, Eidotter sei unschuldig und sein Geständnis auf Hysterie zurückzuführen, Ausdruck, als Dr. Debrouwer, der schon äußerlich durch den blonden Vollbart und den „gütigen, aber durchdringenden“ Blick den wissenschaftlichen Poseur und Hohlkopf verriet, mit sonorer Stimme einfiel: „Ein abnormer Befund hat sich keineswegs ergeben. Ich habe den Fall zwar erst seit gestern unter Beobachtung, aber so viel steht fest, daß jegliches Krankheitssymptom fehlt.“

„Sie halten also den alten Mann für einen bewußten Raubmörder und sein Geständnis für einwandfrei?“ fragte Sephardi trocken.

Die Augen des Arztes nahmen den Ausdruck übermenschlicher Schläue an; er setzte sich geschickt gegen das Licht, damit das Blitzen seiner kleinen ovalen Brillengläser das Imposante seines Denkerantlitzes womöglich noch erhöhe, und sagte, eingedenk des Sprüchwortes, daß auch die Wände Ohren haben, mit plötzlich geheimnisvoll gedämpfter Stimme:

„Als Mörder kommt dieser Eidotter nicht in Betracht, aber es handelt sich um ein Komplott, dessen Mitwisser er ist!“

„Ah. — Und woraus schließen Sie das?“

Dr. Debrouwer beugte sich vor und flüsterte: „Sein Geständnis deckt sich in gewissen Punkten mit den Tatsachen; folglich kennt er sie! Er hat es lediglich aus dem Grunde abgelegt und sich selbst als Täter bezeichnet, um den immerhin möglichen Verdacht der Hehlerschaft von sich abzulenken und zugleich Zeit zur Flucht für seinen Spießgesellen zu gewinnen.“

„Kennt man denn die näheren Umstände des Mordes bereits?“

„Gewiß. Einer unserer fähigsten Kriminalisten hat sie aus dem Befund festgestellt. — Der Schuhmacher Klinkherbogk hat in einem Anfall von — von dementia praecox“ (Sephardi horchte auf und unterdrückte ein Lächeln) „seine Enkelin unter Zuhilfenahme einer Schusterahle erstochen, wurde gleich darauf, als er das Zimmer verlassen wollte, von dem eindringenden Mörder getötet und durchs Fenster hinab in die Gracht geworfen. Eine ihm gehörige Krone aus Goldpapier hat man auf dem Wasser schwimmen gefunden.“

„Und das alles hat Eidotter genau so angegeben?“

„Das ist’s ja eben!“ — Dr. Debrouwer lachte breit. — „Als der Mord im Hause ruchbar wurde, wollten Zeugen den Eidotter in seiner Wohnung wecken, fanden ihn aber vollkommen bewußtlos. Er simulierte natürlich. Wäre er in Wirklichkeit an der Tat unbeteiligt gewesen, hätte er doch unmöglich wissen können, daß der Tod des kleinen Mädchens infolge Erstechens durch eine Schusterahle eintrat. Trotzdem hat er es in seinem Geständnis ausdrücklich erwähnt. Daß er sich selbst auch als Mörder des Kindes ausgab, — nun, das ist sehr durchsichtig: es geschah, um die Behörden zu verwirren.“