Ohne den Vorgängen irgend welche Aufmerksamkeit geschenkt zu haben, hatte die wohltätige Dame die Eintragung der vier Ballkarten in eine Rolle vorgenommen und sich nach ein paar kühl verbindlichen Worten empfohlen. — —

Eine Weile saßen die beiden Herren stumm, wichen einander mit den Blicken aus und trommelten gelegentlich mit den Fingern auf den Stuhllehnen.

Hauberrisser kannte seinen Freund zu gut, um nicht genau zu fühlen: er brauche jetzt nur zu fragen, was für eine Bewandtnis es mit dem Schuster Klinkherbogk habe, und Pfeill würde gereizt das Blaue vom Himmel herunterphantasieren, um nur ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, er hätte einem armen Schuster aus bittrer Not geholfen. Daher sann er, um ein möglichst abseits liegendes Gespräch einzuleiten, nach einem Thema, das — selbstverständlich — nichts mit Wohltätigkeit oder einem Schuster zu tun haben durfte, aber andererseits auch nicht so klingen sollte, als sei es an den Haaren herbeigeholt.

So lächerlich leicht die Aufgabe zu sein schien — sie wurde ihm von Minute zu Minute schwerer.

„Es ist eine verwünschte Sache mit dem ‚Gedankenfassen‘,“ überlegte er, „man glaubt, man bringt sie mit dem Gehirn hervor, aber in Wirklichkeit machen sie mit dem Gehirn, was sie wollen und sind selbständiger als irgendein Lebewesen“. Er gab sich einen Ruck. „Sag’ mal Pfeill“, (das Traumgesicht, das er in dem Vexiersalon gehabt hatte, war ihm plötzlich eingefallen), „sag’ mal, Pfeill, du hast ja so viel im Leben gelesen: ist die Sage vom Ewigen Juden nicht in Holland entstanden?“

Pfeill blickte argwöhnisch auf. — „Du meinst, weil er ein Schuhmacher gewesen ist?“

„Schuhmacher? Wieso?“

„Nun, es heißt doch, der Ewige Jude sei ursprünglich der Schuster Ahaschwerosch in Jerusalem gewesen und habe Jesus, als er auf seinem Weg nach Golgatha — der Schädelstätte — ausruhen wollte, mit Flüchen fortgejagt. Seitdem müsse er selbst wandern und könne nicht sterben, ehe nicht Christus wiedergekommen sei.“ (Als Pfeill bemerkte, daß Hauberrisser ein äußerst verblüfftes Gesicht machte, erzählte er hastig weiter, um auch seinerseits so rasch wie möglich von dem Thema „Schuster“ loszukommen.) „Im dreizehnten Jahrhundert behauptete ein englischer Bischof, in Armenien einen Juden namens Kartaphilos kennen gelernt zu haben, der ihm anvertraut hätte, zu gewissen Mondphasen verjünge sich sein Körper, und er sei dann eine Zeitlang Johannes der Evangelist, von dem Christus bekanntlich gesagt hat, er werde den Tod nicht schmecken. — In Holland heißt der Ewige Jude: Isaac Laquedem; man hat in einem Mann, der diesen Namen trug, den Ahasver vermutet, weil er lange vor einem steinernen Christuskopf stehen geblieben war und ausgerufen hatte: ‚das ist er, das ist er; so hat er ausgesehen!‘ — In den Museen von Basel und Bern wird sogar je ein Schuh gezeigt, ein rechter und ein linker, kuriose Dinger, aus Lederstücken zusammengesetzt, einen Meter lang und zentnerschwer, die an verschiedenen Orten in den Gebirgspässen der italienisch-schweizerischen Grenze gefunden und wegen ihrer Rätselhaftigkeit in unklare Verbindung mit dem Ewigen Juden gebracht wurden. Übrigens — —“

— Pfeill zündete sich eine Zigarette an —

„übrigens merkwürdig, daß du gerade jetzt auf die ausgefallene Idee gekommen bist, nach dem Ewigen Juden zu fragen, wo mir ein paar Minuten früher — und zwar außergewöhnlich lebhaft — ein Bild in der Erinnerung aufgetaucht war, das ich einmal vor vielen Jahren in einer Privatgalerie in Leyden gesehen habe. Es soll von einem unbekannten Meister stammen und stellt den Ahasver dar: ein Gesicht von olivbronzener Farbe, unglaublich schreckhaft, eine schwarze Binde um die Stirn, die Augen ohne Weiß und ohne Pupillen, wie — wie soll ich sagen — fast wie Schlünde. Es hat mich noch lange bis in die Träume verfolgt.“