Hauberrisser fuhr empor, aber Pfeill achtete nicht darauf und erzählte weiter:
„Die schwarze Binde um die Stirn, las ich später irgendwo, gilt im Orient als sicheres Kennzeichen des Ewigen Juden. Angeblich soll er damit ein flammendes Kreuz verhüllen, dessen Licht immer wieder sein Gehirn verzehrt, wenn dieses bis zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit nachgewachsen ist. — Die Gelehrten behaupten, es seien das lediglich Anspielungen auf kosmische Vorgänge, die den Mond beträfen, und der Ewige Jude heiße auch deshalb: Chidher, das ist: der „Grüne“, aber das scheint mir Blech zu sein.
Die Manie, alles, was man am Altertum nicht begreifen kann, als Lesart für Himmelszeichen zu deuten, ist heute wieder sehr beliebt, — eine Zeitlang hat sie gestockt, als ein witziger Franzose eine satirische Abhandlung schrieb: Napoleon hätte nie gelebt, auch er wäre ein Astralmythos, hieße eigentlich Apollon, der Sonnengott, und seine zwölf Generäle bedeuteten die zwölf Tierkreiszeichen.
Ich glaube, die alten Mysterien haben viel gefährlicheres Wissen verborgen als das Wissen von Sonnenfinsternissen und Mondgezeiten, nämlich Dinge, die wirklich verborgen werden mußten; — Dinge, die man heute nicht mehr zu verbergen braucht, weil die dumme Menge sie, Gott sei Dank, sowieso nicht glauben würde und darüber lacht, — Dinge, die gleichen harmonischen Gesetzen gehorchen wie die Sternenwelt und dieser daher ähnlich sind. Nun, sei es wie es mag, vorläufig schlagen die Gelehrten den Sack, ohne daß der Esel damit gemeint wäre.“
Hauberrisser war in tiefes Nachdenken versunken.
„Was hältst du von den Juden überhaupt?“ fragte er nach längerem Stillschweigen.
„Hm. Was ich von ihnen halte? Durchschnittlich sind sie wie Raben ohne Federn. Unglaublich listig, schwarz, krummer Schnabel, und können nicht fliegen. Aber zuweilen kommen Adler unter ihnen vor, das ist keine Frage. Zum Beispiel Spinoza.“
„Du bist also nicht Antisemit?“
„Fällt mir nicht im Schlaf ein. Schon deshalb nicht, weil ich die Christen für zu wenig wertvoll halte. Man wirft den Juden vor, sie hätten keine Ideale. Jedenfalls haben die Christen nur falsche. Die Juden übertreiben alles: Gesetze halten und Gesetze brechen, Frömmigkeit und Gottlosigkeit, Arbeiten und Faulenzen, bloß das Bergeklettern und das Wettrudern, das sie „Gojjim naches“ nennen, übertreiben sie nicht, und vom Pathos halten sie nicht viel; die Christen übertreiben das Pathos und — hintertreiben so ziemlich den Rest. In Glaubenssachen sind mir die Juden zu viel Talmud, die Christen zu sehr Talmi.“
„Glaubst du, die Juden haben eine Mission?“