„Freilich! Die Mission, sich selbst zu überwinden. Alles hat die Mission, sich selbst zu überwinden. Wer von andern überwunden wird, hat seine Mission verfehlt; wer seine Mission verfehlt, wird von andern überwunden. Wenn einer sich selbst überwindet, merken die andern nichts davon; wenn aber einer die andern überwindet, wird der Himmel — rot. Der Laie nennt diese „Licht“erscheinung: Fortschritt. Ein Trottel hält ja auch bei einer Explosion das Feuerwerk für das Wesentliche. — Aber verzeih, ich muß jetzt abbrechen,“ schloß Pfeill und sah auf die Uhr, „erstens muß ich schleunigst nach Hause, und zweitens könnte ich auf die Dauer soviel Gescheitheit vor dir nicht verantworten. Also: „Servus“ — wie die Österreicher sagen, wenn sie das Gegenteil meinen — und falls du Lust hast, besuch mich recht bald in Hilversum.“
Er legte ein Geldstück auf den Tisch für den Kellner, winkte seinem Freunde lächelnd einen Gruß zu und schritt hinaus.
Hauberrisser bemühte sich, seine Gedanken in Ordnung zu bringen.
„Träume ich denn noch immer?“ fragte er sich voll Erstaunen. „Was war das? Zieht sich durch jedes Menschenleben ein solcher roter Faden merkwürdiger Zufälle, oder bin ich der einzige, dem derartige Dinge passieren? Greifen die Ringe der Geschehnisse vielleicht erst dann ineinander und bilden eine Kette, wenn man ihre Zusammenhänge nicht dadurch stört, daß man sich Pläne schafft, denen man tölpelhaft nachjagt und infolgedessen das Schicksal in einzelne Stücke reißt, die sonst ein fortlaufendes, wundersam gewebtes Band gebildet hätten?“ —
Aus alter ererbter Gewohnheit und den Erfahrungen gemäß, die er bisher im Leben für — scheinbar richtig befunden hatte, versuchte er, das gleichzeitige Auftauchen ein und desselben Bildes in seinem Gehirn und dem seines Freundes auf Gedankenübertragung zurückzuführen und damit zu erklären, aber die Theorie wollte sich diesmal nicht mit der Wirklichkeit decken wie sonst, wo er derlei Dinge auf die leichte Achsel genommen und sie möglichst rasch wieder zu vergessen getrachtet hatte. Pfeill’s Erinnerung an das olivgrünschimmernde Gesicht mit der schwarzen Binde über der Stirn hatte eine greifbare Grundlage gehabt: ein Porträt, das angeblich in Leyden hing, — aber woraus war die Traumvision, ebenfalls von einem olivgrünschimmernden Gesicht mit einer schwarzen Binde über der Stirn, die er kurz vorher im Laden des Chidher Grün gehabt hatte, entsprossen?
„Die Wiederkehr des seltsamen Namens „Chidher“ in dem kurzen Zeitraum von einer Stunde, — einmal als Firmenschild, dann als sagenhafte Bezeichnung für die Figur des Ewigen Juden, wunderbar genug ist es ja“, sagte sich Hauberrisser, „aber es gibt wohl wenig Menschen, die nicht derartige Beobachtungen in Menge gemacht hätten. Woher es kommen mag, daß Namen, die man früher nie gehört hat, plötzlich serienweise auf einen losprasseln, daß ferner die Leute auf der Gasse, wie das so häufig geschieht, einem Bekannten, den man Jahre lang nicht mehr getroffen hat, immer ähnlicher und ähnlicher sehen, bis er selbst gleich darauf um die Ecke biegt — ähnlich, nicht nur in der Einbildung, nein: photographierbar ähnlich, so ähnlich, daß man an den Betreffenden denken muß, ob man will oder nicht, — woher das alles kommen mag? Ob Menschen, die einander ähnlich sehen, nicht auch ein ähnliches Schicksal haben? Wie oft habe ich es schon bestätigt gefunden. Das Schicksal scheint so etwas wie eine unvermeidliche Begleiterscheinung der Körperbildung und Gesichtsform zu sein, an ein bis ins kleinste greifendes Gesetz der Übereinstimmung gebunden. Eine Kugel kann nur rollen, ein Würfel nur kollern, warum sollte ein Lebewesen mit seinem tausendfach komplizierteren Dasein nicht mit ebenso gesetzmäßigen, aber nur tausendfach komplizierteren Erlebnisvorausbestimmungen vor eine Deichsel gespannt sein! — Ich kann es sehr wohl verstehen, daß die alte Astrologie nicht aussterben kann und heute vielleicht mehr Anhänger zählt, als jemals früher, und daß jeder zehnte sich ein Horoskop stellen läßt; nur sind die Menschen offenbar auf dem Holzweg, wenn sie glauben, die sichtbaren Sterne am Himmel bestimmten den Schicksalsweg. Es wird sich da um andere ‚Planeten‘ handeln, um solche, die im Blut um das Herz kreisen und andere Umlaufszeiten haben als die Himmelskörper: Jupiter, Saturn usw. — Wenn gleicher Geburtsort, gleiche Geburtsstunde und Geburtsminute allein das Entscheidende wären, wie könnte es dann sein, daß Monstrositäten wie die zusammengewachsenen Schwestern Blaschek, die doch in derselben Sekunde geboren wurden, ein so verschiedenes Schicksal hatten, daß die eine Mutter wurde und die andere Jungfrau blieb?“
Ein Herr in weißem Flanellanzug, roter Krawatte, einen Panamahut ein wenig schief aufgesetzt, die Finger überladen mit protzigen Ringen und ein Monokel ins dunkel glühende Auge geklemmt, war bereits vor längerer Zeit an einem entfernten Tische hinter einer großen ungarischen Zeitung aufgetaucht und hatte sich nach mehrmaligem Platzwechsel — als störe ihn überall die Zugluft — bis dicht an Hauberrisser herangepirscht, ohne daß ihn dieser in seinem Grübeln bemerkt hätte.
Erst, als der Fremde sich mit auffallend lauter Stimme beim Kellner nach Amsterdamer Vergnügungslokalen und sonstigen Sehenswürdigkeiten erkundigte, wurde Hauberrisser aufmerksam, und der Eindruck der Außenwelt scheuchte sofort seine tiefsinnigen Betrachtungen in das Dunkel zurück, aus dem sie aufgestiegen waren.
Ein schneller Blick überzeugte ihn, daß es der Herr „Professor“ Zitter Arpád aus dem Vexiersalon war, der da so sichtlich bestrebt schien, den gänzlich unorientierten, soeben erst der Eisenbahn entschlüpften Neuankömmling zu spielen.
Wohl fehlte der Schnurrbart, und die Pomade war in ein neues Strombett geleitet worden, aber die Gaunervisage des unverkennbaren „Preßburger Hähndelfangers“ hatte dadurch nicht das mindeste an Ursprünglichkeit eingebüßt.