Mit keiner Silbe verriet er, daß er sich in eine stille Hoffnung, Eva trotzdem wiederzufinden, versponnen hatte, die von Tag zu Tag im Verborgenen in ihm wuchs, — denn er fürchtete sich, es auszusprechen, als zerrisse er damit ein feines Netz.

Nur Swammerdam gegenüber ließ er, wenn auch nicht in Worten, durchblicken, wie es um ihn stand.

Seit jener Stunde, in der er die Tagebuchrolle zu Ende gelesen, war eine Wandlung in ihm vorgegangen, die er selbst kaum begriff. Anfangs hatte er die Übung des Stillsitzens gemacht, wann sie ihm gerade einfiel, eine Stunde, oder länger oder kürzer, und war daran gegangen teils neugierig, teils mit der innerlich ungläubigen Miene eines Menschen, der im Grunde seiner Seele das beständige, nüchterne: „Es führt ja doch zu nichts“ wie einen Wahlspruch der Erfolglosigkeit mit sich herum schleppt.

Eine Woche später hatte er die Übung zwar auf eine Viertelstunde am Morgen beschränkt, aber er machte sie mit Aufgebot aller Kraft und um ihrer selbst willen und nicht mehr in der ermüdenden und jedesmal enttäuschten Erwartung, es müsse sich irgend etwas wunderbares begeben. —

Bald wurde sie ihm unentbehrlich wie ein erfrischendes Bad, auf das er sich schon freute, wenn er sich abends niederlegte.

Wohl schüttelten ihn tagsüber noch lange nach wie vor die Anfälle wildester Verzweiflung, wenn ihm plötzlich einfiel, daß er Eva verloren habe, und er wies die Zumutung, gegen solche Gedanken des Schmerzes auf magische Art anzukämpfen — und gewissermaßen davon zu laufen vor der brennenden Erinnerung an Eva, — wie Egoismus, Lieblosigkeit und Selbstbelügung zugleich jedesmal empört von sich, aber eines Tages versuchte er es doch, als das Leid so übermächtig geworden war, daß er glaubte, Selbstmord begehen zu müssen.

Er hatte sich der Vorschrift gemäß aufrecht hingesetzt und einen Zustand höheren Wachseins zu erzwingen getrachtet, um der unerträglichen Folter der Gramgedanken wenigstens für Augenblicke zu entrinnen, — und wider Erwarten war es ihm gleich beim erstenmal merkwürdig gut gelungen. — Ehe er noch in den Zustand eintrat, hatte er geglaubt, er werde aus ihm mit Reue im Herzen zurückkehren, um sich einem verdoppelten Schmerz freiwillig in die Arme zu werfen, aber nichts von alledem geschah. — Im Gegenteil: ein unbegreifliches Gefühl der Sicherheit, an dem jeder noch so künstlich hochgeschraubte Zweifel abprallte, erfüllte ihn von da an, daß Eva lebe und in keinerlei Gefahr schwebe.

Wenn ihn die Gedanken an sie während des Tages wohl hundertmal überfallen hatten, war es wie Schläge mit glühenden Peitschen gewesen, — jetzt empfand er sie, wenn sie kamen, wie jubelnde Botschaft, daß Eva in der Ferne an ihn denke und ihm Grüße schicke. Was früher Schmerz gewesen, hatte sich urplötzlich in eine Quelle der Freude verwandelt.

So hatte er durch die Übung eine Zufluchtsstätte in seinem Innern geschaffen, in die er sich jederzeit zurückziehen konnte, um immer neue Zuversicht und jenes geheimnisvolle Wachstum zu finden, das denen, die es nicht aus Erfahrung kennen lernen, das ganze Leben hindurch, so oft sie auch davon hören, ein totes, leeres Wort bleiben wird.

Bevor er den neuen Zustand gekannt, hatte er geglaubt, wenn er dem Schmerz um Eva entfliehe, werde es nur ein rascheres Vernarben der Wunden seiner Seele sein — ein Beschleunigen des gewissen Heilungsprozesses, mit dem die Zeit allen Menschen das Leid lindert, — und er hatte sich mit allen Fasern gegen ein solches Genesen gesträubt, wie jeder es tut, der klar voraussieht, daß ein Verklingen des Kummers um den Verlust einer geliebten Person auch das Verblassen ihres Bildes, von dem er nicht lassen möchte, in sich schließt.