Aber ein schmaler, blumenbestreuter Fußpfad zwischen diesen beiden Klippen, von dessen Möglichkeit er früher nichts geahnt, hatte sich ihm ganz wie von selbst erschlossen: das Bild Eva’s war nicht in den Staub der Vergangenheit hinabgesunken, wie er gefürchtet hatte, — nein, nur der Schmerz allein war verschwunden; Eva selbst, statt ihres von seinen Tränen umflort gewesenen Bildes, war auferstanden, und er konnte in Minuten ruhevollen innern Verweilens ihre Nähe so deutlich spüren, als stünde sie leibhaftig bei ihm.

Es kamen, je mehr er sich von der Außenwelt zurückzog, mitunter Stunden eines so tiefen Glückes über ihn, wie er es niemals für möglich gehalten hätte, in denen sich Erkenntnis an Erkenntnis reihte und er immer klarer und klarer begriff, daß es wirkliche Wunder innerer Erlebnisse gab, gegen die sich die Vorgänge des äußern Daseins nicht nur scheinbar, wie er früher stets gedacht, sondern tatsächlich wie Schatten zu Licht verhielten.

Das Gleichnis vom Phönix als dem Adler der ewigen Verjüngung wurde ihm täglich eindrucksvoller — erschloß ihm immer neue Bedeutung — ließ ihn den merkwürdigen Unterschied zwischen lebendigen und toten Symbolen in ungeahnter Fülle erfassen.

Alles was er suchte, schien in diesem unerschöpflichen Sinnbild enthalten zu sein.

Es löste ihm Rätsel wie ein allwissendes Wesen, das er nur zu befragen brauchte, um die Wahrheit zu erfahren.

So hatte er zum Beispiel bei seinen Bemühungen, Herr über das Kommen und Gehen seiner Gedanken zu werden, bemerkt, daß es ihm manchmal vortrefflich gelang, aber wenn er dann glaubte, die Art und Weise, wie er es zuwege gebracht, genau zu wissen, fand er am nächsten Tage keine Spur mehr von Erinnerung daran in seinem Gedächtnis vor. Es war wie ausgewischt in seinem Hirn und er mußte scheinbar wieder von vorne anfangen, um eine neue Methode zu ersinnen. —

„Der Schlummer des Körpers hat mich der gepflückten Frucht beraubt,“ hatte er sich in solchen Fällen gesagt und um dem vorzubeugen, beschlossen, sich nicht mehr schlafen zu legen, so lange es irgend ginge, bis er eines Morgens von dem Einfall erhellt wurde, daß dieses sonderbare Verschwinden aus seiner Erinnerung nichts anderes war als die „Verbrennung zu Asche“, aus der der Phönix immer wieder verjüngt erstehen müsse, — daß es irdisch und vergänglich sei, sich Methoden zu schaffen und merken zu wollen — daß nicht ein zustande gebrachtes Gemälde das Wertvolle ist, wie Pfeill es in Hilversum ausgedrückt hatte, sondern das Malenkönnen.

Seit er diesen Einblick gewonnen hatte, war ihm die Bewältigung der Gedanken ein beständiger Genuß geworden, statt ein erschöpfendes Ringen zu sein, und er klomm von Stufe zu Stufe, ohne es zu bemerken, bis er plötzlich zu seinem Erstaunen wahrnahm, daß er bereits den Schlüssel zu einer Herrschaft besaß, von deren bloßer Möglichkeit er sich nicht einmal hatte träumen lassen. — „Es ist, als wäre ich bisher von Gedanken umschwärmt gewesen wie von Bienen, die sich von mir Futter holten“ — hatte er es Swammerdam erklärt, mit dem er sich damals noch über derlei innere Erlebnisse auszusprechen pflegte — „jetzt kann ich sie aussenden mit meinem Willen und sie kommen mit Einfällen wie mit Honig beladen zu mir zurück. Früher haben sie mich beraubt, — jetzt bereichern sie mich.“

Fast in denselben Worten las er zufällig eine Woche später einen ähnlichen geistigen Vorgang in der Tagebuchrolle geschildert und erkannte daraus zu seiner Freude, daß er, ohne belehrt worden zu sein, den richtigen Weg zur Entwicklung eingeschlagen hatte.

Die Seiten, auf denen es gestanden hatte, waren vorher durch Schimmel und Feuchtigkeit zusammen geklebt gewesen; — unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen am Fenster, vor dem sie lagen, hatten sie sich voneinander gelöst.