Auch in seinem Denken, fühlte er, war etwas ähnliches geschehen.
Er hatte in den letzten Jahren vor und während des Krieges mancherlei über sogenannte Mystik gehört und gelesen und alles, was damit zusammenhing, unwillkürlich mehr oder weniger mit dem Begriff „Unklarheit“ vereinigt, denn was er darüber erfahren konnte, trug immer den Stempel des Verschwommenen und glich den Ekstasen eines Opiumrausches. — Er hatte sich zwar in seinem Urteil nicht geirrt, da das, was unter dem Namen Mystik in aller Mund war, wirklich nichts anderes bedeutete als ein Umhertappen im Nebel, aber jetzt sah er ein, daß es auch einen wahren mystischen Zustand gab, — schwer zu finden und noch schwerer zu erringen — der nicht nur hinter der Wirklichkeit der täglichen Daseinserfahrung nicht zurückblieb, sondern sie an Lebendigkeit weit übertraf. —
Da war nichts mehr, was an die verdächtigen Wonnen der „mystisch“ Verzückten gemahnte, — kein demütiges Gewinsel mehr um eine selbstsüchtige „Erlösung“, die, um an Glanz zu gewinnen, als blutigen Hintergrund den Anblick der zu ewigen Höllenstrafen verdammten Frevler benötigt, — aber auch die sattgefressene schmatzende Zufriedenheit einer viehischen Menge, die auf dem Boden der Wirklichkeit zu stehen vermeint, wenn sie rülpsend verdaut, war verschwunden wie ein widerwärtiger Traum.
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Hauberrisser hatte das Licht abgedreht, saß vor seinem Tisch und wartete. Wartete in die Finsternis hinein.
Vor dem Fenster hing die Nacht als schweres, dunkles Tuch.
Er fühlte, daß Eva bei ihm stand, aber er konnte sie nicht sehen. —
Wenn er die Augen schloß, wogten Farben wie Wolken hinter seinen Lidern, lösten sich auf und ballten sich wieder zusammen; er wußte aus den Erfahrungen, die er gesammelt, daß sie der Stoff waren, aus dem er sich Bilder schaffen konnte, wenn er wollte, — Bilder, die anfangs starr und leblos schienen, dann aber, wie von einer rätselhaften Kraft beseelt, ein selbständiges Leben bekamen, als seien sie Wesen gleich ihm.
Vor wenigen Tagen war es ihm zum erstenmal geglückt, auch Evas Gesicht in dieser Weise zu formen und lebendig zu machen, und er hatte geglaubt, auf dem richtigen Wege zu sein, auf eine neue geistige Art mit ihr zusammenzukommen, bis er sich an die Stelle in der Tagebuchrolle über die Halluzinationen der Hexen erinnerte und begriff, daß hier das uferlose Reich der Gespenster begann, in das er nur einzutreten brauchte, um nie wieder zurückzufinden.
Je mehr seine Kraft, die verborgenen unerkannten Wünsche seines Innern in Bilder umzugestalten, wuchs, desto größer, fühlte er, mußte auch die Gefahr für ihn werden, auf einen Pfad abzuirren, von dem es keine Heimkehr mehr gab.