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„Eva!“

„Eva!“

Kein Laut.

„Eva! Hörst du mich nicht?“ — er riß die Vorhänge des Bettes auseinander, — — — „Eva! — — — Eva!“ — — faßte ihre Hand: sie fiel leblos zurück. Er fühlte nach ihrem Herzen: es schlug nicht mehr. Ihre Augen waren gebrochen.

„Eva, Eva, Eva!“ — mit einem gräßlichen Schrei fuhr er empor, taumelte zum Tisch — „Wasser! — Wasser holen!“ — stürzte zusammen wie von einer Faust vor die Stirn getroffen, — „Eva!“ — das Glas zerbrach, zerschnitt ihm die Finger, er sprang wieder auf, raufte sich das Haar, lief zum Bett, — „Eva!“ — wollte sie an sich reißen, sah das Lächeln des Todes in ihrem erstarrten Gesicht und sank wimmernd mit dem Kopf auf ihre Schulter nieder. — — — —

„Unten auf der Straße klappert jemand mit blechernen Eimern. — Die Milchfrau! — Ja, ja, natürlich. — Klappert. Die Milchfrau. — Klappert“ — er fühlte, daß plötzlich sein Denken erloschen war, — hörte ein Herz klopfen dicht in seiner Nähe — zählte die ruhigen, regelmäßigen Schläge — wußte nicht, daß es sein eignes war. — Mechanisch liebkoste er die langen, blonden, seidenen Strähnen, die vor seinen Augen auf den weißen Kissen lagen. — — „Wie schön sie sind!“ — „Warum tickt eigentlich die Uhr nicht?“ — Er hob den Blick. — „Die Zeit steht still.“ — „Natürlich. Es ist ja noch nicht Tag.“ — „Und da drüben auf dem Schreibtisch liegt eine Schere — und — und die zwei Leuchter daneben brennen.“ — „Warum habe ich sie denn angezündet?“ — „Ich hab’ vergessen, sie auszulöschen, als der Neger fortging.“ — „Freilich.“ — „Und dann war keine Zeit mehr dazu, — weil Eva — kam“ — „Eva??“ — — „Sie ist — sie ist doch tot! Tot!“ winselte es in seiner Brust auf. — Die Flammen fürchterlichsten, unerträglichen Schmerzes schlugen über ihm zusammen. —

„Ein Ende machen! Ein — Ende — machen! — Eva!“ — „Ich muß ihr nach.“ — „Eva! Eva! Warte auf mich!“ — „Eva, ich muß dir nach!“ — keuchend stürzte er auf den Schreibtisch los, packte die Schere, wollte sie sich ins Herz stoßen — hielt inne: — „nein, der Tod ist zu wenig! Blind will ich aus dieser verfluchten Welt gehen!“ er spreizte die Spitzen auseinander, um sie sich, wahnsinnig vor Verzweiflung, in die Augen zu rennen, da schlug eine Hand so heftig auf seinen Arm, daß die Schere klirrend zu Boden fiel.

„Willst du ins Reich der Toten gehen, um die Lebendigen zu suchen?“ — Chidher Grün stand vor ihm, wie einst im Laden in der Jodenbuurt: mit schwarzem Talar und weißen Schläfenlocken. — „Glaubst du, ‚drüben‘ ist die Wirklichkeit? Es ist nur das Land vergänglicher Wonnen für blinde Gespenster, so wie die Erde das Land vergänglicher Schmerzen für die blinden Träumer ist! Wer nicht auf der Erde das ‚Sehen‘ lernt, drüben lernt er’s gewiß nicht. — Meinst du, weil ihr Körper wie tot liegt,“ — er deutete auf Eva, — „könne sie nicht mehr auferstehen? Sie ist lebendig, nur du bist noch tot. Wer einmal lebendig geworden ist wie sie, kann nicht mehr sterben, — wohl aber kann einer, der tot ist wie du, lebendig werden.“ — Er griff nach den beiden Lichtern und stellte sie um: das linke nach rechts und das rechte nach links, und Hauberrisser fühlte sein Herz nicht mehr schlagen, als sei es plötzlich aus der Brust verschwunden. — „So, wirklich, wie du jetzt deine Hand in meine Seite legen kannst, so wirklich wirst du mit Eva vereint sein, wenn du erst das neue geistige Leben hast. — — Daß die Menschen glauben werden, sie sei gestorben, — was braucht’s dich zu kümmern? — Man kann von den Schlafenden nicht verlangen, daß sie die Erwachten sehen.

Du hast nach der vergänglichen Liebe gerufen“ — er wies nach der Stelle, wo das enthauptete Kreuz gestanden hatte, fuhr mit dem Fuß über den vermoderten Fleck im Boden und der Fleck verschwand — „ich habe dir die vergängliche Liebe gebracht, denn ich bin nicht auf der Erde geblieben, um zu nehmen: ich bin geblieben, um zu geben — jedem das, wonach er sich sehnt. Nur wissen die Menschen nicht, wonach ihre Seele sich sehnt; wüßten sie’s, so wären sie sehend.