Es war bereits tiefe Nacht geworden, — sie sprachen über Mystik und Philosophie, über Kabbala, über den seltsamen Lazarus Eidotter, der schon vor längerer Zeit aus der ärztlichen Beobachtungszelle entlassen worden war und sein Spirituosengeschäft weiterführte, — aber immer wieder kehrte das Thema auf Hauberrisser zurück.
Morgen sollte Eva begraben werden.
„Es ist schrecklich! Der arme, arme Mensch!“ rief Pfeill, erhob sich und ging unruhig auf und ab; — „mir wird heiß und kalt, wenn ich mich in seine Lage hinein denke.“ — Er blieb stehen und blickte Sephardi an: „sollten wir nicht doch noch zu ihm gehen und ihm Gesellschaft leisten? Was meinen Sie, Swammerdam? — Halten Sie es wirklich für vollkommen ausgeschlossen, daß er aus der unbegreiflichen Ruhe, in die er versunken ist, wieder aufwacht? Wenn er plötzlich zu sich kommt und in seinem Schmerz und seiner Verlassenheit — — — —“
Swammerdam schüttelte den Kopf: — „Seien Sie ohne Sorge um ihn, Herr Baron! — Die Verzweiflung kann nicht mehr an ihn heran; Eidotter würde sagen: die Lichter in ihm sind umgestellt.“
„Ihr Glaube hat etwas Furchtbares;“ murmelte Sephardi, „wenn ich Sie so reden höre, packt es mich jedesmal wie — wie Angst!“ — er zögerte eine Weile, unsicher, ob er nicht eine Wunde berühre, — „Damals als Ihr Freund Klinkherbogk ermordet wurde, waren wir alle in großer Sorge um Sie. Wir meinten, Sie würden darüber zusammenbrechen. Eva legte mir noch ganz besonders ans Herz, ich sollte Sie aufsuchen und zu beruhigen trachten.
Woher schöpften Sie nur die Kraft, das entsetzliche Begebnis, das Ihren Glauben doch in seinen Grundvesten erschüttern mußte, so mutig zu tragen?“
Swammerdam unterbrach ihn. — „Erinnern Sie sich noch der Worte Klinkherbogks vor seinem Tode?“
„Ja. Satz für Satz. Später wurde mir auch ihre Bedeutung klar. Es kann kein Zweifel bestehen, daß er sein Ende genau vorausgesehen hat, noch ehe der Neger ins Zimmer trat. Allein schon sein Ausspruch: ‚der König aus Mohrenland würde ihm die Myrrhen eines andern Lebens bringen‘ — beweist es.“
„Und daß seine Prophezeiung in Erfüllung ging, — sehen Sie, Herr Doktor, gerade das hat meinen Schmerz geheilt. Zuerst war ich freilich wie zerschmettert, dann aber, als ich die Größe des Geschehnisses erfaßte, fragte ich mich: was ist wertvoller, daß ein im Zustand geistiger Entrückung ausgesprochenes Wort zur Wahrheit wird, oder: daß ein krankes, schwindsüchtiges Mädchen und ein alter hinfälliger Schuhmacher noch eine Weile am Leben bleiben? Wäre es besser gewesen, die Zungen des Geistes hätten gelogen?
Seitdem ist mir die Erinnerung an jene Nacht zu einer Quelle ungetrübter, reinster Freude geworden.