Daß ich nicht wirklich bei ihr bin, sondern nur mein Bild, weiß sie nicht; wenn sie’s wüßte, wäre ihr das Paradies eine Hölle.
Jeder Sterbende, der hinübergeht, findet drüben die Bilder derer vor, nach denen er sich gesehnt hat, und hält sie für Wirklichkeit — auch die Bilder der Dinge, an denen sein Herz gehangen hat,“ — er deutet auf die Bücherreihen in der Bibliothek. — „Meine Frau hat an die Muttergottes geglaubt, — jetzt träumt sie ‚drüben‘ in ihren Armen. —
Die Aufklärer, die die Menge von der Religion losreißen wollen, wissen nicht, was sie tun. Die Wahrheit ist nur für wenige Auserlesene und sollte für die große Masse geheim bleiben; wer sie nur halb erkannt hat, wenn er stirbt, der geht in ein farbloses Paradies ein.
Klinkherbogks Sehnsucht auf Erden war: Gott zu schauen; jetzt ist er drüben und schaut — ‚Gott‘.
Er war ein Mensch ohne Wissen und Bildung, dennoch kamen aus seinem Munde Worte der Wahrheit, erzeugt durch das Verzehrtsein im Durste nach Gott, — nur hat ihm ein barmherziges Schicksal ihren innern Sinn nie enthüllt.
Lange habe ich nicht verstanden, warum das so war; heute weiß ich den Grund: er hätte die Wahrheit nur zur Hälfte begriffen und sein Wunsch, Gott zu schauen, hätte nicht in Erfüllung gehen können — weder in den Träumen des Jenseits noch in Wirklichkeit.“ — schnell brach er die Rede ab, als er Sephardi wieder hereinkommen hörte.
Pfeill erriet instinktiv, weshalb er es tat: er wußte offenbar um die Liebe Sephardis zu der toten Eva — wußte auch, daß Sephardi trotz seines Gelehrtentums tief innerlich religiös und fromm war, — und wollte ihm das „Paradies“ und den künftigen Wahn des Jenseits, mit Eva vereint zu sein, nicht zerstören.
Swammerdam fuhr fort:
„Ich sagte vorhin: die Erkenntnis, daß das Wahrwerden der Prophezeiung Klinkherbogks seinen gräßlichen Tod weit in den Schatten stellte, habe meinen Gram in Freude verwandelt. Es gibt auch ein solches ‚Umstellen der Lichter‘ — es ist ein Verwandeln aus Bitter in Süß, wie es allein die Kraft der Wahrheit zustande bringen kann.“
„Trotzdem bleibt es mir ein unlösbares Rätsel,“ mischte sich Sephardi wieder ins Gespräch, „was Ihnen die Kraft gibt, durch bloße Erkenntnis Herr über den Schmerz zu werden. Ich kann ja auch mit philosophischem Denken gegen das Leid, daß Eva gestorben ist, anzukämpfen versuchen, dennoch ist mir, als könnte ich nie mehr froh werden.“