Der Begriff, „seelischer Schmerz“ war für ihn ein leeres Wort geworden und hatte die Macht über sein Gefühlsleben verloren. —

Manchmal, wenn er über diese seltsame Wandlung seines Innern nachdachte, beschlich es ihn fast wie Grauen vor sich selbst. —

— — — — — — — —

In einer solchen Stimmung saß er eines Abends an seinem Fenster und sah in die untergehende Sonne hinein.

Vor dem Hause ragte eine hohe verdorrte Pappel aus einer Wüste braunen, trocknen Rasens, — nur in einem kleinen, grünen Wiesenfleck weit drüben wuchs wie in einer Oase ein blütenübersäter Apfelbaum — das einzige Zeichen von Leben weit und breit — zu dem bisweilen die Bauern wallfahrten kamen wie zu einem Marienwunder. — — —

„Die Menschheit, der ewige Phönix, hat sich im Lauf der Jahrhunderte zu Asche verbrannt,“ fühlte er, wie er so die Augen über die trostlose Gegend schweifen ließ, „ob sie je wohl neu auferstehen wird?“ — —

Er dachte an die Erscheinung Chidher Grüns, und seine Worte, daß er auf Erden geblieben sei, um zu „geben“, fielen ihm ein.

„Und was tue ich?“ fragte er sich: „Ich bin eine wandelnde Leiche geworden — ein dürrer Baum wie die Pappel da draußen! — Daß es ein zweites geheimnisvolles Leben gibt, wer weiß es außer mir? — Swammerdam hat mich auf den Weg gewiesen und ein Unbekannter hat ihn mir durch sein Tagebuch erschlossen, — nur ich geize mit den Früchten, die mir das Schicksal in den Schoß geworfen hat! — Nicht einmal meine besten Freunde, Pfeill und Sephardi, ahnen, was mit mir vorgeht; sie glauben, ich sei in die Einsamkeit gegangen und trauere um Eva. — Weil mir die Menschen wie Gespenster erscheinen, die blind durchs Dasein irren, — weil sie mir wie Raupen vorkommen, die über den Boden kriechen und nicht wissen, daß sie keimende Schmetterlinge sind, habe ich deswegen ein Recht, mich von ihnen fernzuhalten?“

Ein heißer Trieb, noch in derselben Stunde in die Stadt zu gehen, sich an einer Straßenecke aufzustellen wie einer der vielen Wanderpropheten, die das Hereinbrechen des jüngsten Tages verkündeten, und in die Menge hineinzuschreien, daß es eine Brücke gebe, die zwei Leben — das Diesseits und das Jenseits — miteinander verbindet, ließ ihn in jähem Entschluß auffahren.

„Ich würde nur Perlen vor die Säue werfen,“ überlegte er im nächsten Augenblick; „die große Masse könnte mich nicht verstehen, — sie winselt danach, daß ein Gott vom Himmel steigt, den sie verkaufen und kreuzigen darf. — Und die wenigen Wertvollen, die nach einem Weg suchen, um sich selbst zu erlösen, würden die auf mich hören? Nein. — Die Wahrheitverschenker sind in Mißkredit gekommen“; er mußte an Pfeill denken, der in Hilversum den Ausspruch getan hatte, man müsse ihn erst fragen, ob er willens sei, sich etwas schenken zu lassen. —