Die Nacht, in der ich diese Zeilen für dich niederschreibe, ist erfüllt mit dem Hauch kommender Schrecknisse — Schrecknisse nicht für mich, aber für die Zahllosen, die am Baum des Lebens nicht reif geworden sind; — ich weiß nicht, ob ich die „erste Stunde“ der neuen Zeit, die du in der Tagebuchrolle meines Vorgängers erwähnt findest, mit leiblichen Augen schauen werde, — vielleicht ist diese Nacht meine letzte, — aber: ob ich morgen von der Erde gehe oder erst Jahre später: ich strecke tastend meine Hand in die Zukunft hinein nach der deinen. Fasse sie, — so wie ich die Hand meines Vorgängers erfaßt habe — damit die Kette der ‚Lehre vom Wachsein‘ nicht abreißt, und vererbe auch du deinerseits das Vermächtnis weiter!“

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Die Uhr zeigte bereits spät nach Mitternacht, als er in der Erzählung seines Lebenslaufes bis zu dem Punkte gelangt war, wo Chidher Grün ihn vor dem Selbstmord bewahrt hatte.

In Gedanken versunken schritt er auf und ab.

Er fühlte, daß hier die große Kluft begann, die das Fassungsvermögen eines normalen Menschen, selbst wenn er noch so phantasiereich und glaubenswillig war, von dem eines geistig Erweckten trennte.

Gab es überhaupt Worte, um auch nur annähernd zu beschreiben, was er von jenem Zeitabschnitt an fast ununterbrochen erlebt hatte?

Er schwankte lange, ob er seine Niederschrift nicht mit dem Begräbnis Evas schließen sollte, dann ging er in das anstoßende Zimmer, um aus dem Koffer die silberne Hülse zu holen, die er gelegentlich für die Rolle hatte anfertigen lassen; beim Suchen darnach fiel ihm auch der papierne Totenkopf, den er vor einem Jahr in dem Vexiersalon gekauft hatte, in die Hände.

Sinnend betrachtete er ihn beim Schein der Lampe, und dieselben Gedanken, die damals sein Hirn durchkreuzt, fielen ihm wieder ein:

„Schwerer ist es, das ewige Lächeln zu erringen, als den Totenschädel zu finden, den man in einem früheren Dasein auf den Schultern getragen hat.“

Es klang ihm wie Verheißung, in einer frohen Zukunft das Lächeln zu lernen.