So unfaßbar fremd und fern erschien ihm sein verflossenes Leben mit all dem leidvollen Wünschen und Wollen, als hätte es sich wirklich in diesem albernen und doch so prophetischen Ding aus Pappendeckel abgespielt und nicht in seinem eignen Kopf; er mußte unwillkürlich lächeln bei dem Gedanken, daß er hier stand und — seinen Schädel in der Hand hielt.
Wie ein Zauberladen mit wertlosem Plunder lag die Welt hinter ihm. — — — — — — —
Er griff wieder zur Feder und schrieb:
„Als Chidher Grün von mir gegangen war und mit ihm auf unbegreifliche Weise auch jeglicher Schmerz um Eva, wollte ich zum Bette treten und ihre Hände küssen, da sah ich, daß ein Mann davor kniete, den Kopf auf ihren Arm gelegt, und erkannte voll Staunen in ihm meinen eignen Körper; ich selbst konnte mich nicht mehr sehen. Wenn ich an mir herunterblickte, war es leere Luft, — aber gleichzeitig war der Mann vor dem Bette aufgestanden und schaute auf seine Füße herab, — so wie ich es an mir zu tun glaubte. — Es war, als sei er mein Schatten, der jede Bewegung machen mußte, die ich ihm befahl.
Ich beugte mich über die Tote, da tat er es; ich vermute, er hat dabei gelitten und Schmerz empfunden, — es kann sein, aber ich weiß es nicht. Für mich war die, die da regungslos, mit starrem Lächeln auf den Zügen, vor mir lag, die Leiche eines fremden, engelschönen Mädchens — ein Bild wie aus Wachs, an dem mein Herz kein Teil hatte, — eine Statue, die Eva auf’s Haar glich, aber doch nur ihre Maske war.
Ich fühlte mich so unendlich glücklich, daß nicht Eva, sondern eine Fremde gestorben war, daß ich vor Freude kein Wort hervorbringen konnte.
Dann traten drei Gestalten ins Zimmer: — ich erkannte meine Freunde in ihnen und sah, daß sie zu meinem Körper hingingen und ihn trösten wollten, aber er war ja nur mein ‚Schatten‘, lächelte und gab keine Antwort.
Wie wäre er es auch imstande gewesen, wo er doch den Mund nicht öffnen konnte — unfähig etwas anderes zu tun, als was ich ihm befahl.
Aber auch meine Freunde und alle die vielen Menschen, die ich dann später in der Kirche und beim Begräbnis sah, waren Schemen für mich geworden wie mein eigner Körper; — der Leichenwagen, die Pferde, die Fackelträger, die Kränze, — die Häuser an denen wir vorüber kamen, — der Friedhof, der Himmel, die Erde und die Sonne: alles war Bildwerk ohne inneres Leben, farbig wie ein Traumland, in das ich hineinblickte — froh und glücklich, daß es mich nichts mehr anging.
Seitdem ist meine Freiheit immer größer geworden, und ich weiß, daß ich über die Schwelle des Todes hinausgewachsen bin; ich sehe bisweilen meinen Körper des nachts schlafen liegen, höre seine gleichmäßigen Atemzüge — und bin doch dabei wach; er hat die Augen geschlossen und dennoch kann ich umherschauen und überall sein, wo ich will. Wenn er wandert, kann ich ruhen und — wenn er ruht, kann ich wandern. — Aber ich kann auch mit seinen Augen sehen und mit seinen Ohren hören, wenn es mir beliebt, nur ist dann alles ringsum trüb und freudearm und ich bin dann wieder wie die andern Menschen: ein Gespenst im Reich der Gespenster.