Eva wollte zu Swammerdam hinsehen, aber eine ungewisse Furcht, sie könne in seinem Gesicht die gleiche bange Ahnung eines nahenden Unheils lesen, die ihr selbst fast den Atem raubte, hielt sie davon ab. Einen Pulsschlag lang glaubte sie sich zu erinnern, eine leise, kaum vernehmliche Stimme am Tische hätte gesagt: „Herr, laß diesen Kelch an mir vorübergehen,“ dann zerbröckelte der Eindruck unter den verlorenen Klängen des fernen Kirmestrubels, die ein Lufthauch am Fenster vorbeitrug.

Sie blickte auf und sah, daß die Spannung in den Zügen Klinkherbogks nachließ und in Verwirrung überging.

„Es ist ein groß Getöse in der Stadt,“ hörte sie ihn murmeln, „und ihre Sünde ist schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben, das vor mich kommen ist, oder ob’s nicht also sei, daß ich’s wisse.“

„So waren die Worte Jehovas nach dem ersten Buch Mosis,“ sagte Schwester Sulamith mit bebenden Lippen und bekreuzigte sich, „bevor Er Feuer und Schwefel regnen ließ. — — Zürne nicht, Herr, daß ich rede: man möchte vielleicht zehn Gerechte in der Stadt finden!“

Sofort sprang das Motiv auf Klinkherbogk über und weckte in ihm die Vision eines kommenden Weltuntergangs. Mit eintöniger Stimme, als läse er geistesabwesend etwas vor, sprach er zur Wand hin:

„Ich sehe einen Sturmwind herbrausen über die Erde, der da machet, daß alles, was aufrecht steht, ein Wagrechtes wird unter seiner Wut und eine Wolke fliegender Pfeile. Er reißet die Gräber auf, und die Leichensteine und Schädel der Toten sind gleich einem Hagelschauer, der in der Luft fegt. Bläst das Wasser aus den Flüssen und Deichen, pfützet es von seinem Munde weg wie Sprühregen und legt die Pappeln an den Straßen und hohen Bäume als wehende Schöpfe am Boden hin. Und das um der Gerechten willen, die die lebendige Taufe haben;“ — seine Worte wurden wieder klanglos — „der aber, auf den ihr wartet, wird nicht kommen als ein König, ehe die Zeit nicht vollendet ist; erst muß der Vorbote in euch sein, als ein neuer Mensch, um das Reich zu bereiten. Dennoch werden ihrer viele sein mit neuen Augen und Ohren, auf daß es nicht abermalen heiße von den Menschen: sie haben Ohren und hören nicht, sie haben Augen und sehen nicht; aber“ — Schatten einer tiefen Traurigkeit legten sich auf sein Gesicht — „aber auch unter ihnen sehe ich Abram nicht! Denn jeglichem wird zugemessen nach seinem Maß, und er hat, ehe die Geburt des Geistes reif worden, den Schild der Armut von sich getan und seiner Seele ein gülden Kalb gegossen, den Sinnen ein Tanzfest zu bereiten. Noch eine kleine Weile, und ihr habet ihn nicht mehr. — Der König aus dem Mohrenland wird ihm die Myrrhen des andern Lebens bringen und seinen Leib den Fischen der trüben Wässer zum Fraße vorwerfen, denn das Gold Melchiors ist eingekommen, bevor das Kind in der Krippe lag und hätte den Fluch wegnehmen können, der auf jeglichem Golde ist. Also ist es zum Unheil erboren, noch ehe die Nacht weicht. — Und der Weihrauch Balthasars ist zu spät gekommen.

Aber du, Gabriel, höre: strecke die Hand nicht nach der Ernte, die nicht weiß ist zum schneiden, daß die Sichel den Knecht nicht verwunde und dem Weizen den Schnitter nehme.“

Fräulein de Bourignon, die während seiner Rede des öftern verzückt geseufzt hatte, ohne sich auch nur zu bemühen, ihren dunkeln Sinn zu erfassen, unterdrückte einen Freudenschrei, als ihr Geistesname „Gabriel“ genannt wurde, und wisperte Mary Faatz, die daraufhin eiligst die Stube verließ, hastig ein paar Worte zu.

Swammerdam, der es bemerkte, wollte sie daran hindern, aber er kam zu spät, — das Mädchen lief bereits die Treppe hinab.

Müde ließ er die Hand sinken und schüttelte nur resigniert den Kopf, als ihn die „Hüterin der Schwelle“ verwundert anblickte.