Der Schuster war einen Augenblick zu sich gekommen und rief ängstlich nach seiner Enkelin, versank aber gleich darauf wieder in seine Ekstase.

— — — — — — — —

In der Matrosenschenke „Prins van Oranje“ hatte fast die ganze Zeit über eine wüste Gesellschaft von fünf Leuten beisammen gesessen und anfangs Karten gespielt; später, als die Nacht weiter vorrückte und das Lokal sich mit allerhand Gesindel vom Zee Dyk füllte, daß bald kaum mehr Platz war, um die Ellenbogen ausstrecken zu können, zogen sich die Herren in das Nebenzimmer zurück, in dem tagsüber die Kellnerin Antje wohnte, ein unförmliches, geschminktes Weibsbild in rotseidenem Rock bis zum Knie, mit fettem Hals, einem flachsgelben Zopf, Hängebusen und zerfressenen Nasenflügeln, — „die Hafensau“, wie sie von den Stammgästen genannt wurde.

Es waren: der Wirt der Spelunke — ehemals Steuermann auf einem brasilianischen Farbholzschiff, ein untersetzter, stiernackiger Kerl in Hemdsärmeln, die Pratzen blautätowiert und in den Ohrläppchen, von denen das eine halb abgebissen war, kleine goldene Ringe, — dann der Zulu Usibepu in dunkelblauem Leinenanzug, wie ihn die Heizer auf den Dampfern tragen, — ein buckliger Varietéagent mit langen, scheußlichen Spinnenfingern, — der Professor Zitter Arpád, der erstaunlicherweise wieder seinen Schnurrbart besaß und auch seine übrige Toilette der neuen Umgebung angepaßt hatte, — und als fünfter ein sonnengebräunter, sogenannter „Inder“ im weißen Smoking der Tropen, einer jener jungen Plantagenbesitzerssöhne, die zuweilen aus Batavia oder andern niederländischen Kolonien nach Europa kommen, um das holländische Vaterland kennen zu lernen, und dann in wenigen Nächten auf die sinnloseste Art ihr Geld in Verbrecherkneipen vertun.

Seit einer Woche schon „wohnte“ der junge Herr im „Prins van Oranje“ und hatte seitdem auch nicht ein einziges Mal das Tageslicht gesehen, außer gegen Morgen einen Streifen Dämmerung hinter dem grünverhängten Fenster, ehe ihm vor Trunkenheit die Augen zufielen und er sich unausgezogen und ungewaschen auf den Divan warf, um bis spät in den nächsten Abend hinein zu schlafen. Und dann ging es eilig von neuem an bei Würfeln und Karten, Bier, schlechtem Wein und Fusel, mit Freihalten von Hafengelichter, chilenischen Matrosen und belgischen Dirnen, bis der letzte Scheck von der Bank zurückgewiesen wurde und die Reihe an Uhrkette, Ringe und Manschettenknöpfe kam.

Zu diesem Schlußfeste hatte der Wirt seinen Freund Zitter Arpád einzuladen sich verpflichtet gefühlt, und der Herr Professor war denn auch pünktlich erschienen und hatte gewissermaßen als Picknickbeitrag den Zulukaffern, der als hervorragender Artist stets bares Geld besaß, mitgebracht.

Einige Stunden lang hatten die Herren bereits dem Macao gehuldigt, ohne daß es einem von ihnen gelungen wäre, die Glücksgöttin dauernd an seine Seite zu fesseln, denn so oft der Professor versuchte, mit den Karten die Volte zu schlagen, jedesmal grinste der Varietéagent und Herr Zitter fühlte sich bemüßigt, mit seiner Kunstfertigkeit noch ein Weilchen inne zu halten, da es ihm natürlich nicht passen konnte, seinen schwarzen Schützling mit dem Buckligen zu teilen.

Umgekehrt verhielt es sich ebenso hinsichtlich des „Inders“, und daher sahen sich die beiden rivalisierenden Ehrenmänner zu ihrem Leidwesen genötigt, das erstemal im Leben ehrlich zu spielen, — eine Beschäftigung, die, nach dem melancholischen Ausdruck ihrer Gesichter zu schließen, sie an verflossene Kinderzeiten, als es noch um Knackmandeln und Nüsse ging, erinnern mochte.

Der Wirt selbst spielte aus freien Stücken ehrlich — zur Feier des Tages. Er empfand es seinen Gästen gegenüber als Kavalierspflicht, — nur, daß ihm diese für den Fall eines Verlustes den Schaden nachher wieder vergüten mußten, war selbstverständlich und bedurfte keiner weiteren Vereinbarung, — der „Inder“ war viel zu harmlos, um auch nur den Gedanken des Mogelns zu erfassen, und der Zulu in die Geheimnisse der weißen Magie noch viel zu wenig eingeweiht, als daß er es hätte wagen dürfen, vermittelst Zuhülfenahme eines fünften Asses Zaubereien zu seinen Gunsten einzuleiten.

Erst gegen Mitternacht, als die lockenden Banjomelodien im Gassenlokal anfingen, immer stürmischer die Anwesenheit des jungen Mäcens zu heischen, die schnapsdurstige Menge ihre Ungeduld nicht länger zu meistern vermochte und schließlich sogar eine à la Pony frisierte Dirne ins Zimmer trat, um besorgt nach dem Verbleib ihres „Bräutigams“ zu sehen, vollzog sich eine Umgruppierung der Streitkräfte, die zur Folge hatte, daß der „Inder“ und der Zulu im Handumdrehen von Herrn Zitter und dem Varietéagenten auf gemeinsame Rechnung S. E. & O. ausgeplündert waren. —