Die Wand des Hauses, die gegen die Nicolaskirche gekehrt war, lag in tiefem Schatten, — die andere Seite, auf der die Giebelkammer des Schusters hoch über der Gracht in das ferne Nebelmeer des Hafens hineinsah, glitzerte naß und weiß in grellem Mondlicht.
Eva trat an das Geländer, das die Gasse gegen die Gracht abschloß, und blickte in das schwarze, unheimliche Wasser.
Wenige Meter von ihr entfernt berührte die eiserne Kette, die vom Dachkran, am Fenster des Schuhmachers vorbei, herabhing, mit dem untern Ende einen schmalen, kaum fußbreiten Mauervorsprung.
Ein Mann stand in einem Boot und machte sich an der Kette zu schaffen; als er die helle Frauengestalt erblickte, bückte er sich rasch nieder und wandte den Kopf weg.
Eva hörte den Wagen um die Ecke kommen und eilte fröstelnd zu Sephardi zurück; — einen Herzschlag lang, sie wußte nicht warum und wieso, war die Erinnerung an die weißen Augen des Negers wieder in ihr wach geworden. — — — — — — — — — — — —
Der Schuster Klinkherbogk träumte, er ritte auf einem Esel durch die Wüste, an seiner Seite die kleine Katje, und vor ihm her schritt als Führer der Mann mit der Hülle vor dem Antlitz, der ihm den Namen Abram gegeben hatte.
Tag und Nacht ritt er so, da sah er am Himmel eine Luftspiegelung, und ein Land, üppig und herrlich, wie er noch nie eins gesehen, senkte sich herab, und der Mann sagte ihm, es hieße Morija.
Und Klinkherbogk klomm einen Berg empor, baute einen Holzstoß und legte Katje oben darauf.
Dann reckte er seine Hand aus und faßte das Messer, daß er das Kind schlachte. Sein Herz war kalt und ohne Mitleid, denn er wußte nach der Schrift, daß er einen Widder opfern werde zum Brandopfer an Katjes Statt. Und als er das Kind geopfert hatte, nahm der Mann die Hülle vom Gesicht, das glühende Zeichen auf seiner Stirn verschwand und er sprach:
„Ich zeige dir, Abraham, mein Angesicht, auf daß du von nun an das Ewige Leben habest. Das Zeichen des Lebens aber nehme ich von meiner Stirne, damit sein Anblick dir nimmermehr dein armes Hirn verbrenne. Denn meine Stirn ist deine Stirn und mein Antlitz ist dein Antlitz. Dies, wisse, ist in Wahrheit die „zweite Geburt“: daß du eins bist mit mir und erkennest, daß ich, dein Führer zum Baum des Lebens, du selbst gewesen bist. —