Die Spannung, zu erfahren, was in der Rolle stand, die ihm in der Nacht übers Gesicht gelaufen war, und woher sie gekommen sein könnte, hatte ihn den ganzen Schlummer hindurch verfolgt wie das gewisse peinigende Wartegefühl, das einem die Ruhe zu scheuchen pflegt, wenn man sich vor dem Schlafengehen vornimmt, pünktlich zu einer gewissen Stunde und Minute zu erwachen.
Er erhob sich, untersuchte die Wände der Nische, in der das Bett stand, und fand auch bald ohne Mühe das aufklappbare Fach in der Täfelung, in dem sie offenbar gelegen hatte. Bis auf eine zerbrochene Brille und ein paar Kielfedern war es vollkommen leer und, nach den Tintenflecken zu schließen, von dem früheren Bewohner des Zimmers als kleiner Hilfsschreibtisch benutzt worden.
Hauberrisser bog die Blätter gerade und bemühte sich, sie einigermaßen zu entziffern.
Die Schriftzüge waren stark verblaßt, an manchen Stellen bereits unleserlich, und viele Seiten unter dem Einfluß der Mauerfeuchtigkeit untrennbar zu schimmligem Pappendeckel zusammengebacken, so daß wenig Hoffnung blieb, sich jemals im Inhalt zurechtfinden zu können.
Anfang und Ende fehlten, und das noch Vorhandene schien, wie die häufige Ausstreichung von Sätzen verriet, eine Art Entwurf zu irgendeiner schriftstellerischen Arbeit — vielleicht zu einem Tagebuch — zu sein.
Wer der Verfasser gewesen sein mochte, war nirgends ersichtlich, ebensowenig Datum oder Jahreszahl, die einen Anhaltspunkt für das Alter des Manuskriptes ergeben hätten.
Mißmutig wollte Hauberrisser die Rolle weglegen und sich wieder ausstrecken, um die Stunden gestörten Schlummers nachzuholen, da fiel sein Blick, wie er die Seiten ein letztes Mal durch die Finger laufen ließ, auf einen Namen, der ihn so erschreckte, daß er einen Moment zweifelte, richtig gelesen zu haben.
Leider war die Stelle bereits verblättert und seine Ungeduld, sie wiederzufinden, machte die Arbeit des Suchens vergeblich.
Dennoch hätte er einen Eid schwören mögen, daß es der Name „Chidher Grün“ gewesen sein mußte, der ihm aus dem Dokument entgegengesprungen war. Er sah ihn deutlich vor sich, wenn er die Augen schloß und sich die betreffende Stelle vergegenwärtigte.
Die Sonne strahlte heiß durch das vorhanglose, breite Fenster herein; das Zimmer mit den gelbseiden bespannten Wänden war mit goldenem Glanze erfüllt, und doch, trotz all der Pracht des Mittagszaubers, faßte Hauberrisser einen Augenblick das Grauen an; ein Grauen, das er bisher nicht gekannt hatte, — jenes Grauen, das ins Leben tritt ohne scheinbar zureichenden Grund, aus der Nachtseite der Seele herüberschreit wie ein Geschöpf der Dämmerung, um sich gleich darauf, geblendet vom Licht, wieder spurlos zu verkriechen.