Hauberrisser mußte mehrere Blätter, die völlig vergilbt waren, ausscheiden; was darauf folgte, mochte einige Jahre später geschrieben worden sein, denn die Tinte war frischer und die Handschrift zitterig, wie unter dem Einfluß zunehmenden Lebensalters. Ein paar Sätze, deren Inhalt eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner eigenen Gemütsverfassung aufwies, notierte er sich besonders, um den Zusammenhang besser überblicken zu können:

„Wer da glaubt, er hätte das Leben um seiner Nachkommen willen, belügt sich selbst. Es ist nicht wahr: die Menschheit hat keinen Fortschritt gemacht. Es scheint nur so. Sie hat nur Einzelne hervorgebracht, die wirklich fortgeschritten sind. Im Kreise laufen, heißt: nicht vorwärts kommen. Wir müssen den Kreis durchbrechen, sonst haben wir nichts getan. Die da wähnen, das Leben beginne mit der Geburt und ende mit dem Tod, — freilich, die sehen den Kreis nicht; wie sollten sie ihn durchbrechen!“

Hauberrisser blätterte um.

Die ersten Worte oben am Rande, die er las, schlugen ihm ins Gesicht. „Chidher Grün!“

Er hatte sich also doch nicht geirrt.

In atemloser Spannung durcheilte er die nächsten Zeilen. Sie gaben so gut wie keinen Aufschluß. Der Name Chidher Grün bildete das Ende eines Satzes, auf der Seite vorher fehlte der Anfang; sie gehörte demnach nicht dazu. Keine Möglichkeit, die Spur weiter zu verfolgen, die doch mit Sicherheit schließen ließ, daß der Verfasser der Schrift irgendeine feste Vorstellung mit dem Namen verbunden, — vielleicht sogar einen gewissen „Chidher Grün“ persönlich gekannt hatte.

Hauberrisser griff sich an den Kopf. Was da mit einemmal in sein Leben getreten war, sah sich an, als treibe eine unsichtbare Hand ein boshaftes Spiel mit ihm.

So interessant das Manuskript noch im selben Abschnitt zu werden versprach — er konnte die Geduld nicht mehr aufbringen, weiter zu lesen. Die Buchstaben tanzten vor seinen Augen.

Er hatte es satt, sich noch länger von albernen Zufällen narren zu lassen.

„Ich werde der Sache ein Ende machen!“ — er rief nach der Haushälterin und beauftragte sie, einen Wagen zu holen — „Ich fahre ganz einfach in den Vexiersalon und lasse mir den Herrn Chidher Grün herausrufen,“ beschloß er. Gleich darauf sah er ein, daß sein Vorhaben nicht viel mehr als einen Schlag ins Wasser bedeutete, „denn“, überlegte er, „was kann der alte Jude dafür, daß mich sein Name verfolgt wie ein Kobold?“ — aber Frau Ohms hatte sich bereits auf den Weg gemacht.