Dann gab er dem Kutscher die Weisung, ihn in die Jodenbreestraat zu fahren.
„Ja, nur zu, mitten durch die Jodenbuurt;“ sagte er lächelnd, als ihn der Mann mit bedenklicher Miene fragte, ob er direkt durch den „Jordaan“ — womit er das Ghetto meinte — fahren, oder Querstraßen benützen solle.
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Bald waren sie mitten drin in diesem seltsamsten aller europäischen Stadtviertel.
Das ganze Leben der Bewohner spielte sich anscheinend auf der Gasse ab. — Da wurde im Freien gekocht, gebügelt und gewaschen. Ein Strick hing quer über die Straße, mit schmutzigen Strümpfen daran zum Trocknen und so niedrig, daß der Kutscher sich bücken mußte, um sie nicht mit dem Kopf herunterzureißen. — Uhrmacher saßen vor kleinen Tischen und glotzten, die Lupen in die Augen geklemmt, der Droschke nach wie erschreckte Tiefseefische; — Kinder wurden gesäugt oder über Kanalgitter gehalten.
Einen lahmen Greis hatte man mitsamt dem Bett, unter dem ein Nachtgeschirr stand, vor ein Haustor getragen, damit er die „frische Luft“ genießen könne, und daneben an einer Straßenecke hielt ein schwammig aufgedunsener Jude, von oben bis unten beklettert von bunten Puppen wie Gulliver mit den Zwergen, Spielzeug feil und rief dazu, ohne Atem zu schöpfen, mit einer Stimme, die klang, als trüge er eine silberne Kanüle im Kehlkopf: poppipoppipoppipoppipoppi.
„Kleerko, Kleerko, Kle—e—erkoooop,“ dröhnte eine Art Jesajas mit Talar und schneeweißen Ohrlocken, der sich den Handel mit alten Kleidern als Lebenszweck auserkoren hatte, dazwischen, schwenkte eine einbeinige Hose wie ein Siegesbanner über dem Haupte und winkte Hauberrissern zu, ihn mit seinem Besuch beehren zu wollen und ungeniert abzulegen.
Dann wieder tönte aus einer Quergasse ein vielstimmiger Chor in den merkwürdigsten Modulationen: „Nieuwe haring, niwe ha—a—a—ng; aardbeien — aare — bei—je! de mooie, de mooie, de mooie waar; augurkjes, gezond en goedkoop,“ — ein appetiterregender Gesang, dem der Kutscher mit andächtigem Gesicht — obwohl unfreiwillig — längere Zeit lauschen mußte, ehe er wieder im Schritt weiter fahren konnte, denn Berge von bestialisch stinkenden Fetzen versperrten den Weg und mußten erst weggeräumt werden, um die Straße frei zu machen. Scharen jüdischer Lumpensammler hatten sie aufgetürmt und schleppten emsig immer noch neue Haufen heran, wobei sie verschmähten, sich der üblichen Säcke zu bedienen, und die Bündel schmutziger Lappen der Einfachheit halber unter den halbaufgeknöpften Kaftans auf dem bloßen Leibe, eingeklemmt zwischen Rippen und Achseln, trugen.
Es war ein seltsamer Anblick, wie sie als unförmliche Ballen ankamen, vollgestopft mit Lumpen, um gleich darauf schlank und dünn in rattenhafter Eile wieder fortzuhuschen. — —
Endlich wurde die Straße breiter, und Hauberrisser sah den Glasvorbau des Vexiersalons in der Sonne glitzern.