Hauberrisser hatte die Erzählung seines Erlebnisses im Vexiersalon Pfeill überlassen, und auch Fräulein van Druysen beschränkte sich darauf, nur hie und da ein Wort einzuflechten, als Dr. Sephardi den Besuch bei Swammerdam schilderte.

Von Verlegenheit konnte natürlich weder bei Eva van Druysen, noch bei Hauberrisser die Rede sein, aber trotzdem standen sie beide unter einem Stimmungsdruck, der ihnen das Sprechen erschwerte. Sie zwangen sich förmlich, einander mit den Blicken nicht auszuweichen, aber jedes fühlte genau, daß das andere log, wenn es sich bemühte, irgend etwas Gleichgültiges zu sagen.

Der vollständige Mangel an weiblicher Koketterie bei Eva verwirrte Hauberrisser fast; er sah ihr an, wie peinlich sie darauf achtete, alles zu vermeiden, was auch nur den leisesten Schein von Gefallsucht oder tieferem Interesse an ihm hätte erwecken können, — aber er schämte sich gleichzeitig wie einer groben Taktlosigkeit, daß es ihm nicht gelingen wollte, vor ihr zu verhüllen, wie sehr er das Gekünstelte in ihrer innern Ruhe durchschaute. Er erriet, daß seine Gedanken offen vor ihr dalagen, aus der erzwungenen Gelangweiltheit, mit der ihre Hände an einem Rosenbukett spielten, aus der Art, wie sie eine Zigarette rauchte, — merkte es an hundert andern Kleinigkeiten; aber es gab für ihn kein Mittel, ihr zu Hilfe zu kommen.

Eine einzige phrasenhafte Bemerkung seinerseits würde genügt haben, ihr die Sicherheit, die sie heuchelte, wieder zu geben, — würde aber auch genügt haben, sie entweder aufs tiefste zu verletzen, oder ihn selbst in ein Licht wenig geschmackvollen Gockeltums zu rücken, — was er natürlich ebenfalls zu vermeiden wünschte.

Als sie eingetreten, war er einen Moment sprachlos gewesen über ihre geradezu verblüffende Schönheit, und sie hatte es wie eine Bewunderung hingenommen, an die sie gewöhnt sein mußte; dann aber, als sie zu bemerken glaubte, daß seine Verwirrung nicht ausschließlich durch sie verursacht war, sondern ebensogut durch die Unterbrechung eines interessanten Gesprächs zwischen ihm und Baron Pfeill, — war die peinliche, nicht mehr loszuwerdende Empfindung über sie gekommen, den Eindruck plumper, weiblicher Sieghaftigkeit auf ihn gemacht zu haben.

Hauberrisser begriff instinktiv, daß Eva ihre Schönheit, die eine Frau wohl stolz tragen durfte, als Mädchen in ihrer seelischen Feinfühligkeit augenblicklich als Last empfand.

Am liebsten hätte er ihr offen gesagt, wie sehr er sie bewundere, aber er fürchtete, den richtigen Ton von Unbefangenheit nicht zu finden.

Er hatte im Leben zu viel schöne Frauen geliebt, um beim ersten Anblick selbst so berückender weiblicher Reize, wie Eva sie besaß, sogleich den Kopf zu verlieren, aber dennoch stand er bereits tiefer unter ihrem Einfluß, als er selbst merkte.

Anfangs vermutete er, sie sei mit Sephardi verlobt; als er sah, daß es nicht der Fall war, durchzuckte ihn eine leise Freude.

Er wehrte sich sofort dagegen; die unbestimmte Angst, seine Freiheit noch einmal zu verlieren und wiederum von dem alten Wirbelsturm derartiger Erlebnisse fortgerissen zu werden, warnte ihn, auf seiner Hut zu sein, aber bald wachte in ihm ein so echtes und inniges Gefühl von Zusammengehörigkeit mit Eva auf, daß jeder Vergleich mit dem, was er bisher Liebschaft genannt hatte, von selbst wegfiel.