Das unvermeidliche prickelnde Etwas, das sich infolge der stummen Gedankenübertragung zwischen beiden entspann, war zu deutlich, als daß es Pfeill mit seinem scharfen Blick hätte lange verborgen bleiben können. — Was ihn dabei schmerzlich berührte, war der Ausdruck eines mühsam verhaltenen, tiefen Weh’s, das um die Augen Sephardi’s lag und aus jedem Worte der mit krampfhafter Hast geführten Rede des sonst so schweigsamen Gelehrten hervorklang.
Er fühlte, daß dieser einsame Mensch eine stille, aber vielleicht um so heißere Hoffnung zu Grabe trug.
„Wohin, glauben Sie, Herr Doktor,“ fragte er, als Sephardi seine Erzählung beendet hatte, „mag der seltsame Weg wohl führen, den der ‚geistige Kreis‘ Swammerdams oder des Schuhmachers Klinkherbogk zu gehen sich einbildet? Ich fürchte, in ein uferloses Meer von Visionen und — —“
„— und daran geknüpften Erwartungen, die niemals erfüllt werden,“ — Sephardi zuckte traurig die Schultern, — „es ist das alte Lied von den Pilgern, die ohne Führung in der Wüste zum gelobten Land wandern und, eine trügerische Fata morgana vor Augen, dem qualvollen Tode des Verdurstens entgegenschreiten. Es hat noch immer mit dem Schrei geendet: ‚mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen‘!“
„Bei all den andern, die an den Schuhmacher und sein Prophetentum glauben, mögen Sie recht haben,“ mischte sich Eva van Druysen ernst ins Gespräch, „aber bei Swammerdam irren Sie sich. Ich weiß es gewiß. Denken Sie daran, was Baron Pfeill uns von ihm erzählt hat! Den grünen Käfer hat er doch gefunden! Ich kann nicht loskommen von der Überzeugung: es ist ihm beschieden, auch das Größere zu finden, nach dem er sucht.“
Sephardi lächelte trüb. „Ich wünsche es ihm von Herzen, aber er wird bestenfalls, wenn er nicht früher darüber zugrunde geht, am Schluß nur zu dem gewissen: ‚Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist‘ gelangen. — Glauben Sie mir, Fräulein Eva, ich habe mehr über jenseitige Dinge nachgedacht, als Sie wohl vermuten, und habe mir ein Menschenleben lang Kopf und Herz zermartert, ob es denn wirklich kein Entrinnen aus dem irdischen Kerker gibt. — Nein, es gibt keines! — Der Zweck des Lebens ist, auf den Tod zu warten.“
„Dann wären die noch die Klügsten,“ wendete Hauberrisser ein, „die nur dem Vergnügen leben.“
„Gewiß. Wenn sie es imstande sind. Aber mancher bringt es eben nicht zuwege.“
„Und was soll der dann tun?“ fragte Pfeill.
„Liebe üben und die Gebote halten, wie es in der Bibel steht.“