„Das sagen Sie?!“ rief Pfeill erstaunt. „Ein Mensch, der alle Philosophiesysteme von Lao Tse bis Nietzsche durchstudiert hat! Wer ist denn der Erfinder dieser ‚Gebote‘? Ein sagenhafter Prophet, ein angeblicher Wundertäter. Wissen Sie, ob er nicht nur ein Besessener war? Glauben Sie, daß ein Schuster Klinkherbogk nicht nach fünftausend Jahren im gleichen legendenhaften Glanz dastehen wird, wenn sein Name bis dahin nicht längst vergessen ist?“

„Gewiß, wenn sein Name bis dahin nicht längst vergessen ist,“ sagte Sephardi einfach.

„Sie nehmen also einen Gott an, der über den Menschen thront und ihre Geschicke lenkt? Können Sie das in Einklang mit irgendwelchem logischen Denken bringen?“

„Nein, das kann ich nicht. Will es auch nicht. Ich bin Jude, vergessen Sie das nicht. Ich meine: nicht nur Jude der Religion nach, sondern auch Jude der Rasse nach, — und als solcher komme ich immer wieder zum alten Gott meiner Vorfahren zurück. Es liegt im Blut, und das Blut ist stärker als alle Logik. Freilich sagt mir mein Verstand, daß ich mit meinem Glauben in der Irre gehe, aber mein Glaube sagt mir auch, daß ich mit meinem Verstand in der Irre gehe.“

„Und was täten Sie, wenn Ihnen, wie es dem Schuster Klinkherbogk geschehen ist, ein Wesen erschiene und Ihnen Ihr Handeln vorschriebe?“ forschte Eva.

„An seiner Botschaft zu zweifeln versuchen. Wenn mir das gelänge, so würde ich seinem Rate nicht folgen.“

„Wenn es Ihnen aber nicht gelänge?“

„Dann wäre meine Handlungsweise von selbst gegeben, nämlich: ihm zu gehorchen.“

„Ich würde es auch dann nicht tun,“ murmelte Pfeill.

„Eine Denkungsart wie die Ihre müßte nur bewirken, daß Ihnen ein jenseitiges Wesen, wie der — nennen wir es: „Engel“ Klinkherbogks niemals erscheinen kann, aber seine stumme Weisung würden Sie trotzdem befolgen. Allerdings in der festen Überzeugung, aus eigener Machtvollkommenheit zu handeln!“