„Oder umgekehrt,“ widersetzte sich Pfeill, „Sie würden sich einbilden, Gott spräche zu Ihnen durch den Mund eines Phantoms mit grünem Gesicht, während in Wirklichkeit Sie selbst es wären.“

„Wo soll da ein wesentlicher Unterschied liegen?“ entgegnete Sephardi. „Was ist eine Mitteilung? Ein Gedanke, in laute Worte gekleidet. — Und was ist ein Gedanke? Ein leises Wort. Also auch im Grunde nichts anderes, als eine Mitteilung. Wissen Sie so genau, daß ein Einfall, den Sie haben, tatsächlich in Ihnen geboren wird und nicht eine Mitteilung von irgendwoher ist? Ich halte es für mindestens ebenso wahrscheinlich, daß der Mensch nicht der Erzeuger, sondern nur ein Empfangsapparat — ein feiner oder ein grober — für alle Gedanken ist, die — nehmen wir einmal an: von der Erde als Mutter gedacht werden. Das gleichzeitige Auftreten ein und derselben Idee, wie es doch so häufig vorkommt, spricht Bände für meine Theorie. Sie freilich, wenn Ihnen so etwas passiert, werden immer sagen, Sie hätten ursprünglich den betreffenden Einfall gehabt und die andern wären von Ihnen bloß angesteckt worden. Ich könnte darauf erwidern: Sie waren nur der erste, der diesen in der Luft liegenden Gedanken aufgefangen hat wie eine drahtlose Depesche vermittelst eines sensitiveren Gehirns, — die andern haben ihn ebenfalls aufgefangen; bloß später als Sie. — Je selbstbewußter und kraftvoller nun jemand ist, desto mehr wird er zu der Ansicht neigen, der eigne Schöpfer eines großen Gedankens zu sein; je schwächer und weicher hingegen, um so leichter wird er glauben, die betreffende Idee sei ihm — eingegeben worden. Im Grunde haben beide recht. Ich bitte, ersparen Sie mir das ‚wieso‘; ich möchte mich nicht gerne in die schwierige Erläuterung eines allen Menschen gemeinsamen Zentral-Ich’s verlieren. — Was die Erscheinung des grünen Gesichtes bei Klinkherbogk, als Übermittler einer Botschaft oder eines Gedankens, betrifft, — was, wie ich schon vorhin sagte, dasselbe ist — so verweise ich Sie auf die wissenschaftlich bekannte Tatsache, daß es zweierlei Kategorien von Menschen gibt: die eine, die in Worten, und die andere, die in Bildern denkt. Nehmen wir an, Klinkherbogk hätte sein Leben lang in Worten gedacht, und plötzlich will sich ihm ein völlig neuer Gedanke, für den es noch gar kein Wort gibt, aufdrängen — ihm ‚einfallen‘, sozusagen; wie könnte sich dieser Gedanke anders kundgeben, als durch die Vision eines redenden Bildes, das eine Verbindungsbrücke zu ihm sucht, — in Klinkherbogks, in Herrn Hauberrissers und in Ihrem Falle als ein Mann oder ein Porträt mit grünem Gesicht?“

„Gestatten Sie nur eine kurze Unterbrechung,“ bat Hauberrisser. — „Der Vater Fräulein van Druysens hat, wie Sie kurz nach Ihrem Eintritt im Laufe der Schilderung Ihres Besuchs bei Klinkherbogk erwähnten, den Mann mit dem erzgrünen Gesicht wörtlich den ‚Urmenschen‘ genannt, — ich selbst hörte meine Vision im Vexiersalon sich mit einem ähnlichen Namen bezeichnen, — Pfeill glaubte, das Porträt des Ewigen Juden, also ebenfalls eines Wesens, dessen Ursprung weit in der Vergangenheit zurückliegt, gesehen zu haben, — wie erklären Sie, Herr Sephardi, diese höchst merkwürdige Übereinstimmung? Als einen uns allen ‚neuen‘ Gedanken, den wir nicht mit Worten, sondern nur durch ein Bild begreifen könnten, das sich unserm innern Auge darstellt? Ich für meinen Teil, so kindisch es Ihnen klingen mag, glaube viel eher: es ist ein und dasselbe spukhafte Geschöpf, das da in unser Leben getreten ist.“

„Das glaube auch ich,“ stimmte Eva leise bei.

Sephardi dachte einen Augenblick nach. — „Die Übereinstimmung, die ich erklären soll, scheint mir zu beweisen, daß es ein und derselbe ‚neue‘ Gedanke ist, der sich Ihnen allen dreien aufdrängen und verständlich machen wollte, beziehungsweise: noch machen will. Daß das Phantom unter der Maske eines Urmenschen auftritt, bedeutet, denke ich, nichts anderes, als: ein Wissen, eine Erkenntnis, sogar vielleicht eine außerordentliche seelische Fähigkeit, die einstmals in längst vergangenen Zeiten des Menschengeschlechts existiert hatte, bekannt war und in Vergessenheit geriet, will wiederum neu werden, und ihr Kommen in die Welt gibt sich als Vision einigen wenigen Auserlesenen kund. — Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage nicht, daß das Phantom etwa kein selbständig existierendes Wesen sein könnte, — im Gegenteil, ich behaupte sogar: jeder Gedanke ist ein solches Wesen. — Der Vater Fräulein Eva’s hat übrigens den Ausspruch getan: ‚Er — der Vorläufer — ist der einzige Mensch, der kein Gespenst ist‘.“

„Vielleicht verstand mein Vater darunter, dieser Vorläufer sei ein Wesen, das die Unsterblichkeit erlangt hat. Glauben Sie nicht?“

Sephardi wiegte bedächtig den Kopf. — „Wenn jemand unsterblich wird, Fräulein Eva, bleibt er als unvergänglicher Gedanke bestehen; gleichgültig, ob er zu unsern Gehirnen als Wort oder als Bild Zutritt zu erlangen vermag. Sind die Menschen, die auf Erden leben, unfähig, ihn zu erfassen oder zu „denken“, — so stirbt er deswegen noch nicht; er wird ihnen nur ferne gerückt. — — — Um auf den Disput mit Baron Pfeill zurückzukommen: ich wiederhole, ich kann als Jude von dem Gott meiner Väter nicht weg. Die Religion der Juden ist in ihrer Wurzel eine Religion selbstgewählter und absichtlicher Schwäche, — ist ein Hoffen auf Gott und das Kommen des Messias. Es gibt, ich weiß, auch einen Weg der Kraft. Baron Pfeill hat ihn angedeutet. Das Ziel bleibt dasselbe; in beiden Fällen kann es erst erkannt werden, wenn das Ende erreicht ist. Falsch ist an sich weder der eine noch der andere Weg; unheilvoll wird er erst dann, wenn ein Schwacher, oder ein Mensch, der voll Sehnsucht ist wie ich, den Weg der Kraft wählt, und ein Starker den Pfad der Schwäche. Einstmals, zur Zeit Mosis, als es bloß zehn Gebote gab, war es verhältnismäßig leicht, ein Zadik Tomim — ein vollkommen Gerechter — zu sein, heute ist es unmöglich, wie jeder fromme Jude weiß, der sich bemüht, die zahllosen rituellen Gesetze zu halten. Heute muß Gott uns helfen, sonst können wir Juden den Weg nicht mehr gehen. Die darüber klagen, sind Toren, — der Weg der Schwäche ist nur vollkommener und leichter geworden, und dadurch ist auch der Pfad der Kraft klarer, denn keiner, der sich selbst erkennt, kann sich mehr auf das Gebiet verirren, in das er nicht gehört. — Die Starken haben keine Religion mehr nötig; sie gehen frei und ohne Stock; diejenigen, die nur an Essen und Trinken glauben, brauchen ebenfalls keine Religion; sie haben sie noch nicht nötig. — Sie bedürfen keines Stockes, denn sie gehen nicht, sie bleiben stehen.“

„Haben Sie nie etwas von einer Möglichkeit, die Gedanken zu beherrschen, gehört, Herr Sephardi?“ fragte Hauberrisser, „ich meine es nicht im alltäglichen Sinne des sogenannten Sichbeherrschenkönnens, das man besser das Unterdrücken einer Gefühlswallung und so weiter nennen sollte. Ich denke dabei an das gewisse Tagebuch, das ich gefunden habe und von dem Pfeill vorhin erzählte.“

Sephardi erschrak.

Er schien die Frage erwartet oder befürchtet zu haben, und warf einen schnellen Blick auf Eva.