In seinem Gesicht malte sich wiederum derselbe Ausdruck von Schmerz, den Baron Pfeill schon früher an ihm bemerkt hatte.

Dann raffte er sich auf, aber man hörte ihm an, wie er sich zum Reden zwang:

„Das Herrwerden über die Gedanken ist ein uralter heidnischer Weg zum wirklichen Übermenschentum, aber nicht zu jenem, von dem der deutsche Philosoph Nietzsche gesprochen hat. — Ich weiß nur sehr wenig darüber. Mir graut davor. — — In den letzten Jahrzehnten ist mancherlei über die „Brücke zum Leben“ — so lautet die echte Bezeichnung dieses gefahrvollen Pfades — von Osten her nach Europa gedrungen, aber zum Glück so wenig, daß keiner, der die ersten Schlüssel nicht hat, sich zurecht finden könnte. Das Wenige hat schon genügt, um viele tausend Menschen, besonders Engländer und Amerikaner, die alle diesen Weg der Magie — es ist nichts anderes — erlernen wollten, außer Rand und Band zu bringen. Eine umfangreiche Literatur ist darüber entstanden und ausgegraben worden, zu Dutzenden laufen Schwindler aller Rassen herum, die sich als Eingeweihte gebärden, — aber, Gott sei Dank, noch weiß kein einziger, wo die Glocke hängt, die da läutet. — Scharenweise sind die Leute nach Indien und Tibet gepilgert, ohne zu wissen, daß dort das Geheimnis längst erloschen ist. Sie wollen es noch heute nicht glauben. — Wohl haben sie dort etwas gefunden, was einen ähnlichen Namen trägt, — aber es ist etwas anderes, das schließlich nur wieder zum Weg der Schwäche, den ich vorhin erwähnt habe, oder zu den Verwirrungen eines Klinkherbogk führt. Die paar alten Originalschriften, die darüber existieren, klingen sehr offenherzig, sind aber in Wahrheit der Schlüssel beraubt und der sicherste Zaun, um das Mysterium zu schützen. — Es hat auch einmal unter den Juden eine ‚Brücke zum Leben‘ gegeben, und die Bruchstücke, die ich darüber kenne, stammen aus dem 11. Jahrhundert. Ein Vorfahre von mir, ein gewisser Salomon Gebirol Sephardi, dessen Lebensbeschreibung in unserer Familienchronik fehlt, hat sie in doppelsinnigen Randbemerkungen zu seinem Buch Megôr Hayyîm niedergelegt und wurde deshalb von einem Araber ermordet. Angeblich soll eine kleine Gemeinde im Orient, die in blaue Mäntel gekleidet geht und ihre Herkunft merkwürdigerweise von eingewanderten Europäern — Schülern der ehemaligen Goldenen- und Rosen-Kreuzer — ableitet, das Geheimnis in seiner Gänze noch bewahren. — Sie nennen sich: Paradâ, das ist ‚Einer, der zum andern Ufer hinübergeschwommen ist‘.“

Sephardi stockte einen Moment und schien an einem Punkt in der Erzählung angelangt zu sein, über den hinwegzukommen, er seine ganze Kraft aufbieten mußte.

Er krampfte die Nägel in die Handflächen, und sah eine Weile stumm zu Boden.

Endlich riß er sich auf, blickte Eva und Hauberrisser abwechselnd fest an und sagte klanglos:

„Wenn es aber einem Menschen gelingt, über die ‚Brücke des Lebens‘ hinüberzuschreiten, so ist es ein Glück für die Welt. Es ist fast mehr, als wenn ihr ein Erlöser geschenkt wird. — Nur etwas ist vonnöten: ein einzelner kann dieses Ziel nicht erreichen, er braucht dazu — — eine Gefährtin. — Nur durch eine Verbindung männlicher und weiblicher Kräfte ist es überhaupt möglich. Darin liegt der geheime Sinn der Ehe, der der Menschheit seit Jahrtausenden verloren gegangen ist.“ — Die Sprache versagte ihm, er stand auf und trat ans Fenster, um sein Gesicht zu verbergen, ehe er scheinbar wieder ruhiger fortfahren konnte: „Wenn ich Ihnen beiden mit meinem geringen Wissen über dieses Gebiet jemals behilflich sein kann, so verfügen Sie über mich.

— — — — — — — —

Wie ein Blitz trafen Eva seine Worte. — Sie verstand jetzt, was in ihm vorgegangen war. — Die Tränen schossen ihr in die Augen.

Daß Sephardi mit dem durchdringenden Scharfblick eines Menschen, der sein ganzes Leben in Abgeschlossenheit von der Außenwelt zugebracht, die Dinge, die sich zwischen Hauberrisser und ihr anbahnten, vorausgesehen hatte, lag auf der Hand. Was aber mochte ihn bewogen haben, die Entwicklung der aufkeimenden gegenseitigen Verliebtheit, die unausweichlich vor ihnen lag, auf so hemmungslose Weise abzukürzen, — sie beide fast brüsk zu einer Entscheidung zu drängen?