Wäre nicht sein ganzes Wesen so über jeden Zweifel erhaben echt gewesen, — hätte sie an den raffinierten Versuch eines eifersüchtigen Nebenbuhlers glauben müssen, der durch wohlberechnetes Dazwischenfahren ein sich spinnendes zartes Gewebe zerreißen will. —

Oder war es vielleicht der heroische Entschluß eines Menschen, der sich nicht stark genug fühlt, die langsame Marter allmählicher Entfremdung von einer heimlich geliebten Frau zu ertragen, und es vorzieht, selber ein Ende zu machen, statt vergeblich zu kämpfen?

Eine Ahnung drängte sich ihr auf, als müsse noch irgend etwas anderes der Grund seines schnellen Handelns sein, — etwas, was mit seinem Wissen über die „Brücke des Lebens“ zusammenhing, von der er, offenbar absichtlich, mit so knappen Worten gesprochen hatte. — —

Sie gedachte der Worte Swammerdams vom plötzlichen Galoppieren des Schicksals; sie klangen ihr in den Ohren.

Als sie in der verflossenen Nacht vom Geländer der Gracht des Zee Dyk in die dunklen Wasser hinabgestarrt hatte, war der Mut über sie gekommen, dem Rat des alten Mannes zu folgen und mit Gott zu reden.

Was sie jetzt erlebte — war es bereits die Folge davon? — Eine bange Angst, daß es so sein müsse, erschreckte sie. — Das Bild der finstern Nikolaskirche, das eingesunkene Haus mit der eisernen Kette und der Mann in dem Boot, der sich so scheu vor ihr zu verbergen getrachtet hatte, huschte schreckhaft wie die Erinnerung an einen bösen Traum durch ihr Bewußtsein.

Hauberrisser stand am Tisch und ließ wortlos und erregt die Blätter eines Buches durch die Finger laufen.

Eva fühlte, daß es an ihr war, die peinliche Stille zu brechen.

Sie ging zu ihm, sah ihm fest in die Augen und sagte ruhig:

„Die Worte Doktor Sephardi’s sollen nicht der Anlaß sein, daß eine befangene Stimmung zwischen uns Platz greift, Herr Hauberrisser; sie sind aus dem Mund eines Freundes gekommen. Was das Schicksal mit uns vorhat, können wir beide nicht wissen. Heute sind wir noch frei, ich wenigstens bin es; will uns das Leben zusammenführen, werden wir es weder ändern können, noch wollen. — Ich sehe nichts Unnatürliches und nichts Beschämendes darin, diese Möglichkeit ins Auge zu fassen. — Morgen früh fahre ich nach Antwerpen zurück; ich könnte die Reise verschieben, aber es ist besser, wir kommen jetzt für längere Zeit nicht zusammen. Ich möchte nicht die Unsicherheit mit mir herumtragen, Sie oder ich hätten unter dem Eindruck einer kurzen Stunde voreilig ein Band geknüpft, das sich später nicht mehr ohne Schmerz lösen ließe. — Wie ich aus der Erzählung Baron Pfeills erfahren habe, sind Sie einsam — wie ich; lassen Sie mich das Gefühl mitnehmen, daß ich es von jetzt an nicht mehr bin und jemand Freund nennen darf, mit dem mich gemeinsam die Hoffnung verbindet, einen Weg zu suchen und zu finden, der jenseits der Alltäglichkeit liegt. — Und zwischen uns“ — sie lächelte zu Sephardi hinüber, — „bleibt die alte, treue Freundschaft bestehen, nicht wahr?“