„Was kann aber um Himmelswillen den alten Lazarus Eidotter veranlaßt haben, sich für den Täter auszugeben?“

Doktor Sephardi zuckte die Achseln. — „Vielleicht glaubte er im ersten Schrecken, als die Polizei kam, Swammerdam habe den Schuster umgebracht, und wollte sich für ihn opfern. In einem Anfall von Hysterie. — Daß er nicht normal ist, habe ich auf den ersten Blick gesehen. Erinnern Sie sich, Fräulein Eva, was der alte Schmetterlingssammler über die Kraft gesagt hat, die im Namen verborgen liegt? — Eidotter braucht seinen Geistesnamen Simon nur eine genügend lange Zeit ‚geübt‘ zu haben und es ist keineswegs ausgeschlossen, daß sich in ihm folgedessen die Idee eingewurzelt hat, ein Opfer für andere zu bringen, wann immer sich die Gelegenheit ergeben würde. Ich bin sogar der Ansicht, daß der Schuster Klinkherbogk, bevor er selbst ermordet wurde, das kleine Mädchen im Religionswahnsinn getötet hat. — Er hat viele Jahre hindurch den Namen Abram geübt, das ist erwiesen, — hätte er statt dessen das Wort Abraham innerlich wiederholt, wäre die Katastrophe der Schlachtung Isaak’s kaum eingetreten.“

„Was Sie da sagen, ist mir ein vollkommenes Rätsel,“ fiel Hauberrisser ein; „ein Wort beständig in sich hineinsprechen sollte das Schicksal eines Menschen bestimmen oder ändern können?“

„Warum nicht? Die Fäden, die die Taten eines Menschen lenken, sind gar fein. Was im ersten Buch Mosis über die Umänderung der Namen Abram in Abraham und Sarai in Sarah steht, hat mit der Kabbala — oder eher noch mit andern, weit tieferen Mysterien zu tun. — Ich habe gewisse Anhaltspunkte, daß es falsch ist, die geheimen Namen auszusprechen, wie der Kreis Klinkherbogks es tut. — Wie Sie vielleicht wissen, bedeutet jeder Buchstabe im Hebräischen gleichzeitig eine Zahl, zum Beispiel: S = 21, M = 13, N = 14. Wir sind also imstande, einen Namen in Ziffern zu verwandeln und aus diesen Verhältniszahlen in der Vorstellung geometrische Körper zu konstruieren: einen Würfel, eine Pyramide und so weiter. Diese geometrischen Formen sind es, die sozusagen das Achsensystem unseres bis dahin gestaltlosen Innersten werden können, wenn wir es in der richtigen Weise und mit der nötigen Gedankenwucht imaginieren. Wir machen dadurch unsere ‚Seele‘ — ich habe keinen andern Ausdruck dafür — zu einem Krystallgebilde und schaffen ihr die darauf bezüglichen ewigen Gesetze. — Die Ägypter haben sich die Seele in ihrer Vollendung als Kugel gedacht.“

„Worin könnte nach Ihrer Ansicht, falls der bedauernswerte Schuster wirklich seine Enkelin getötet haben sollte,“ fragte Baron Pfeill sinnend, „der Fehler in der ‚Übung‘ gelegen haben? Ist der Name Abram so grundverschieden von Abra—ham?“

„Klinkherbogk hat sich selbst den Namen Abram gegeben; er wuchs aus seinem eignen Unterbewußtsein hervor, daher das Verhängnis! Es fehlte das von Oben-Herabkommen der Neschamah, wie wir Juden es nennen — des geistigen Hauches der Gottheit — hier in diesem Falle der Silbe ‚ha‘. In der Bibel wurde dem Abra—ham das Opfer des Isaak erlassen. Der Abram hätte zum Mörder werden müssen, so wie Klinkherbogk es geworden ist. — Klinkherbogk hat in seinem Durst, das Ewige Leben zu suchen, selber den Tod gerufen. — Ich sagte vorhin, wer schwach ist, soll nicht den Weg der Kraft gehen. Klinkherbogk ist von dem Pfade der Schwäche — des Wartens —, der für ihn bestimmt war, abgewichen.“

„Aber irgend etwas muß doch für den armen Eidotter geschehen!“ rief Eva. „Sollen wir denn untätig zusehen, wie er verurteilt wird?“

„So rasch geht das Verurteilen nicht,“ beruhigte sie Sephardi. „Morgen früh will ich zu dem Gerichtspsychiater Debrouwer — ich kenne ihn von der Universität her — gehen und mit ihm sprechen.“

„Nicht wahr, Sie nehmen sich auch des armen alten Schmetterlingssammlers an und schreiben mir nach Antwerpen, wie es ihm geht?“ bat Eva, stand auf und reichte nur Pfeill und Sephardi zum Abschied die Hand. „Und auf Wiedersehen in nicht allzuferner Zeit.“

Hauberrisser verstand sofort, daß sie von ihm begleitet zu sein wünschte, und half ihr in den Mantel, den der Diener hereingebracht hatte.