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Die Kühle der Abenddämmerung lag feucht um die duftenden Linden, wie sie durch den Park schritten. Steinerne griechische Statuen schimmerten weiß aus dem Dunkel belaubter Bogengänge und träumten beim Plätschern der in den verirrten Lichtern der Bogenlampen vom Schlosse her silbrig glitzernden Fontänen.
„Darf ich Sie nicht zuweilen in Antwerpen besuchen kommen, Eva?“ fragte Hauberrisser gepreßt und fast schüchtern. „Sie verlangen von mir, ich soll warten bis die Zeit uns zusammenbringt. Glauben Sie, daß es durch Briefe besser geschieht, als wenn wir uns sehen? Wir fassen doch beide das Leben anders auf als es die Menge tut, warum eine Wand zwischen uns schieben, die uns nur trennen kann?“
Eva wandte den Kopf ab. „Wissen Sie denn wirklich genau, daß wir für einander bestimmt sind? — Das Zusammenleben zweier Menschen mag etwas sehr Schönes sein, — warum geschieht es dann so häufig, ja, beinah immer, daß es nach kurzer Zeit in Abneigung und Bitternis endet? — Ich habe mir schon oft gesagt, daß etwas Unnatürliches darin liegen muß, wenn ein Mann sich an eine Frau kettet. Es kommt mir so vor, als brächen ihm dadurch die Flügel. — — Bitte, lassen Sie mich zu Ende sprechen, ich kann mir denken, was Sie sagen wollen — —“
„Nein, Eva,“ unterbrach Hauberrisser rasch, „Sie irren; ich weiß, was Sie fürchten, das ich sagen könnte; Sie wollen nicht hören, was ich für Sie empfinde, und darum schweige ich auch darüber. — Die Worte Sephardi’s, so ehrlich sie gemeint waren und so sehr ich aus tiefstem Herzen hoffe, daß ihr Sinn in Erfüllung gehen möge, haben doch — ich fühle das immer schmerzlicher — eine fast unübersteigbare Schranke zwischen uns gesetzt. Wenn wir uns nicht mit aller Kraft bemühen, sie niederzureißen, wird sie dauernd zwischen uns stehen. Und doch bin ich eigentlich innerlich froh, daß es nicht anders gekommen ist. — Daß eine Ehe aus Nüchternheit zwischen uns geschlossen werden könnte, haben wir beide nicht zu befürchten; — was uns gedroht hat, — verzeihen Sie, Eva, daß ich die Worte ‚wir‘ und ‚uns‘ gebrauche, — war, daß uns die Liebe und der Trieb allein zusammengeführt hätten. — Doktor Sephardi hat recht gehabt, als er sagte, der Sinn der Ehe sei den Menschen verloren gegangen.“
„Das ist es doch, was mich quält,“ rief Eva. „Ich stehe ratlos und hilflos vor dem Leben wie vor einem gefräßigen, scheußlichen Ungeheuer. Alles ist schal und abgenützt. Jedes Wort, das man gebraucht, ist staubig geworden. Ich komme mir vor wie ein Kind, das sich auf eine Märchenwelt freut — und ins Theater geht und schminkebeklexte Komödianten sieht. — Die Ehe ist zu einer häßlichen Einrichtung herabgesunken, die der Liebe den Glanz raubt und Mann und Frau zur bloßen Zweckmäßigkeit erniedrigt. Es ist ein langsames, trostloses Versinken im Wüstensand. — Warum ist es bei uns Menschen nicht wie bei den Eintagsfliegen?“ — sie blieb stehen und blickte sehnsüchtig zu einem lichtbeglänzten Brunnen hin, den goldene Wolken schwärmender Falter wie ein wogender Feenschleier umgaben, — „Jahre kriechen sie als Würmer über die Erde, bereiten sie sich vor auf die Hochzeit, wie auf etwas Heiliges, — um einen einzigen kurzen Tag der Liebe zu feiern und dann zu sterben.“ — Sie hielt plötzlich inne und schauderte.
Hauberrisser sah an ihren dunkel gewordenen Augen, daß ein Gefühl tiefster Ergriffenheit über sie gekommen war. Er zog ihre Hand an seine Lippen.
Eine Weile stand sie regungslos, dann schlang sie langsam, wie in halbem Schlaf, beide Arme um seinen Nacken und küßte ihn. — — — —
„Wann wirst du mein Weib werden? Das Leben ist so kurz, Eva.“
Sie gab keine Antwort, und ohne ein Wort zu sprechen, gingen sie nebeneinander her dem offenen Gittertor zu, vor dem der Wagen Baron Pfeill’s wartete, um Eva nach Hause zu bringen.