Hauberrisser wollte seine Frage wiederholen, ehe sie von ihm Abschied nahm; sie kam ihm zuvor, blieb stehen und schmiegte sich an ihn.
„Ich sehne mich nach dir,“ sagte sie leise, „wie nach dem Tod. Ich werde deine Geliebte sein, ich weiß es gewiß, — aber das, was die Menschen Ehe nennen, wird uns erspart bleiben.“
Er erfaßte die Bedeutung ihrer Worte kaum; er war wie betäubt von dem Glück, sie in seinen Armen zu halten, — dann teilte sich ihm der Schauer mit, der noch in ihr lag, und er fühlte, daß sich ihm das Haar sträubte und sie beide von einem eisigen Hauch umfangen wurden, als nähme der Engel des Todes sie unter seine Schwingen und trüge sie beide weit weg von der Erde in die Blütengefilde einer ewigen Wonne.
Als er aus dem Zustand der Starrheit erwachte, wich das fremdartige, beseeligende Verzücktsein des Sterbens, das er empfunden hatte wie einen alle Sinne verzehrenden Rausch, langsam von ihm und an dessen Stelle trat, wie er dem Wagen nachblickte, der ihm Eva entführte, das Nagen einer unbestimmten, qualvollen Angst, sie nie mehr wiederzusehen.
Achtes Kapitel
Eva wollte früh morgens ihre Tante Bourignon, um sie zu trösten, im Béginenstift aufsuchen und dann den Vormittagsexpreß nach Antwerpen benutzen.
Ein Brief, eilig hingekritzelt und von Tränenspuren benetzt, den sie im Hotel vorfand, ließ sie ihren Entschluß ändern.
Das alte Fräulein war unter der Wucht der Katastrophe am Zee Dyk anscheinend völlig zusammengebrochen und schrieb, sie sei fest entschlossen, keinen Schritt mehr aus dem Stift zu tun, ehe nicht der erste heiße Schmerz verharscht wäre und sie sich wiederum so weit wohl fühlen würde, dem Getriebe der Welt, wie sie es nannte, ein neues Interesse entgegen zu bringen. Der Schlußsatz, der in der Klage gipfelte, eine unleidliche Migräne mache es ihr unmöglich, Besuche von wem immer zu empfangen, verriet, daß ernste Besorgnisse um das innere Gleichgewicht der alten Dame zur Zeit wenig angebracht waren. — —
Eva ließ kurz entschlossen ihr Gepäck auf die Bahn schaffen. Um Mitternacht ging ein Zug nach Belgien, den ihr der Portier zu benützen empfahl, da er weit weniger überfüllt zu sein pflege.
Sie gab sich alle Mühe, das peinliche Gefühl abzuschütteln, das der Brief in ihr erweckt hatte.