Offenbar legte auch er dem Geschehnis keine Bedeutung bei, denn er fuhr nach einer Pause da fort, wo er stehen geblieben war:
„Ja. Also ich sagte, ich hasse sein Blut. — Unterbrechen Sie mich, Meister Pernath, wenn ich wieder heftig werde. Ich will kalt bleiben. Ich darf meine besten Empfindungen nicht so vergeuden. Es packt mich sonst nachher wie Ernüchterung. Ein Mensch mit Schamgefühl soll in kühlen Worten reden, nicht mit Pathos wie eine Prostituierte oder — oder ein Dichter. — Seit die Welt steht, wär’s niemand eingefallen, vor Leid die ‚Hände zu ringen‘, wenn nicht die Schauspieler diese Geste als besonders ‚plastisch‘ ausgetüftelt hätten.“
Ich begriff, daß er mit Absicht blind drauflos redete, um innerlich Ruhe zu bekommen.
Es wollte ihm nicht recht gelingen. Nervös lief er im Zimmer auf und ab, faßte alle möglichen Gegenstände an und stellte sie zerstreut zurück an ihren Platz.
Dann war er mit einem Ruck wieder mitten in seinem Thema:
„Aus den kleinsten unwillkürlichen Bewegungen eines Menschen verrät sich mir dieses Blut. Ich kenne Kinder, die ‚ihm‘ ähnlich sehen und als seine gelten, aber doch sind sie nicht vom selben Stamme, — man kann mich nicht täuschen. Jahrelang erfuhr ich nicht, daß Dr. Wassory sein Sohn ist, aber ich habe es — ich möchte sagen — gerochen.
Schon als kleiner Junge, als ich noch nicht ahnen konnte, in welchen Beziehungen Wassertrum zu mir steht,“ — sein Blick ruhte eine Sekunde forschend auf mir, — „besaß ich diese Gabe. Man hat mich mit Füßen getreten, mich geschlagen, daß es wohl keine Stelle an meinem Körper gibt, die nicht wüßte, was rasender Schmerz ist, — hat mich hungern und dursten lassen, bis ich halb wahnsinnig wurde und schimmlige Erde gefressen habe, aber niemals konnte ich diejenigen hassen, die mich peinigten. Ich konnte einfach nicht. Es war kein Platz mehr in mir für Haß. — Verstehen Sie? Und doch war mein ganzes Wesen getränkt damit.
Nie hat mir Wassertrum auch nur das geringste angetan — ich will damit sagen, daß er mich jemals weder geschlagen oder beworfen, noch auch irgendwie beschimpft hat, wenn ich mich als Gassenjunge unten herumtrieb: ich weiß das genau, — und doch richtete sich alles, was an Rachsucht und Wut in mir kochte, gegen ihn. Nur gegen ihn!
Merkwürdig ist, daß ich ihm trotzdem nie als Kind einen Schabernack gespielt habe. Wenn’s die andern taten, zog ich mich sofort zurück. Aber stundenlang konnte ich im Torweg stehen und, hinter der Haustüre versteckt, durch die Angelritzen sein Gesicht unverwandt anstieren, bis mir vor unerklärlichem Haßgefühl schwarz vor den Augen wurde.
Damals, glaube ich, habe ich den Grundstein zu dem Hellsehen gelegt, das sofort in mir aufwacht, wenn ich mit Wesen, ja sogar mit Dingen in Berührung komme, die in Verbindung mit ihm stehen. Ich muß wohl jede seiner Bewegungen: seine Art, den Rock zu tragen, und wie er Sachen anfaßt, hustet und trinkt, und all das Tausenderlei damals unbewußt auswendig gelernt haben, bis sich’s mir in die Seele fraß, daß ich überall die Spuren davon auf den ersten Blick mit unfehlbarer Sicherheit als seine Erbstücke erkennen kann.