Später wurde das manchmal fast zur Manie: ich warf harmlose Gegenstände von mir, bloß weil mich der Gedanke quälte, seine Hand könne sie berührt haben, — andere wieder waren mir ans Herz gewachsen; ich liebte sie wie Freunde, die ihm Böses wünschten.“
Charousek schwieg einen Moment. Ich sah, wie er geistesabwesend ins Leere blickte. Seine Finger streichelten mechanisch die Feile auf dem Tisch.
„Als dann ein paar mitleidige Lehrer für mich gesammelt hatten und ich Philosophie und Medizin studierte — auch nebenbei selbst denken lernte —, da kam mir langsam die Erkenntnis, was Haß ist:
Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von uns selbst ist.
Und wie ich später dahinter kam, — nach und nach alles erfuhr: was meine Mutter war — und — und noch sein muß, wenn — wenn sie noch lebt, — und daß mein eigner Leib“ — er wendete sich ab, damit ich sein Gesicht nicht sehen sollte, — „voll ist von seinem eklen Blut — nun ja, Pernath, — warum sollen Sie’s nicht wissen: er ist mein Vater! — da wurde mir klar, wo die Wurzel lag. — — — Zuweilen kommt’s mir sogar wie ein geheimnisvoller Zusammenhang vor, daß ich schwindsüchtig bin und Blut spucken muß: mein Körper wehrt sich gegen alles, was von ‚ihm‘ ist, und stößt es mit Abscheu von sich.
Oft hat mich mein Haß bis in den Traum begleitet und zu trösten gesucht mit Gesichten von allen nur erdenklichen Foltern, die ich ‚ihm‘ zufügen durfte, aber immer verscheuchte ich sie selber, weil sie den faden Beigeschmack des — Unbefriedigtseins in mir hinterließen.
Wenn ich über mich selbst nachdenke und mich wundern muß, daß es so gar niemanden und nichts auf der Welt gibt, was ich zu hassen, — ja nicht einmal als antipathisch zu empfinden imstande wäre, außer ‚ihn‘ und seinen Stamm, — beschleicht mich oft das widerliche Gefühl: ich könnte das sein, was man einen ‚guten Menschen‘ nennt. Aber zum Glück ist es nicht so. — Ich sagte Ihnen schon: es ist kein Platz mehr in mir.
Und glauben Sie nur ja nicht, daß ein trauriges Schicksal mich verbittert hat: (Was er meiner Mutter angetan hat, erfuhr ich überdies erst in späteren Jahren) — ich habe einen Freudentag erlebt, der weit in den Schatten stellt, was sonst einem Sterblichen vergönnt ist. Ich weiß nicht, ob Sie kennen, was innere, echte, heiße Frömmigkeit ist, — ich hatte es bis dahin auch nicht gekannt — als ich aber an jenem Tage, an dem Wassory sich selbst ausgerottet hat, am Laden unten stand und sah, wie ‚er‘ die Nachricht bekam, — sie ‚stumpfsinnig‘, wie ein Laie, der die echte Bühne des Lebens nicht kennt, hätte glauben müssen, — hinnahm, wohl eine Stunde lang teilnahmslos stehen blieb, seine blutrote Hasenscharte nur ein ganz klein bißchen höher über die Zähne gezogen als sonst und den Blick so gewiß — — so — so — so eigenartig nach innen gekehrt, — — — — da fühlte ich den Weihrauchduft von den Schwingen des Erzengels. — — Kennen Sie das Gnadenbild der schwarzen Muttergottes in der Teinkirche? Dort warf ich mich nieder, und die Finsternis des Paradieses hüllte meine Seele ein.“ —
— — — Wie ich Charousek so dastehen sah, die großen, träumerischen Augen voll Tränen, da fielen mir Hillels Worte ein von der Unbegreiflichkeit des dunklen Pfades, den die Brüder des Todes gehen.
Charousek fuhr fort: