„Die äußeren Umstände, die meinen Haß ‚rechtfertigen‘ oder in den Gehirnen der amtlich besoldeten Richter begreiflich erscheinen lassen könnten, werden Sie vielleicht gar nicht interessieren: — Tatsachen sehen sich an wie Meilensteine und sind doch nur leere Eierschalen. Sie sind das aufdringliche Knallen der Champagnerpfropfen an den Tafeln der Protzen, das nur der Schwachsinnige für das wesentliche eines Gelages hält. — Wassertrum hat meine Mutter mit all den infernalischen Mitteln, die seinesgleichen Gewohnheit sind, gezwungen, ihm zu willen zu sein, — wenn es nicht noch viel schlimmer war. Und dann — — nun ja — und dann hat er sie an — ein Freudenhaus verkauft, — — — so etwas ist nicht schwer, wenn man Polizeiräte zu Geschäftsfreunden hat, — aber nicht etwa, weil er ihrer überdrüssig gewesen wäre, o nein! Ich kenne die Schlupfwinkel seines Herzens: an dem Tage hat er sie verkauft, wo er sich voll Schrecken bewußt wurde, wie heiß er sie in Wirklichkeit liebte. So einer wie er handelt da scheinbar widersinnig, aber immer gleich. Das Hamsterhafte in seinem Wesen quietscht auf, sowie jemand kommt und kauft ihm irgend etwas ab aus seiner Trödlerbude gegen noch so teures Geld: er empfindet nur den Zwang des ‚Hergebenmüssens‘. Er möchte den Begriff ‚haben‘ am liebsten in sich hineinfressen, und könnte er sich überhaupt ein Ideal ausdenken, so wär’s das, sich dereinst in den abstrakten Begriff ‚Besitz‘ aufzulösen. — —

Und da ist es damals riesengroß in ihm gewachsen bis zu einem Berg von Angst: „seiner selbst nicht mehr sicher“ zu sein, — nicht: etwas an Liebe geben zu wollen, sondern geben zu müssen: die Gegenwart eines Unsichtbaren in sich zu ahnen, das seinen Willen oder das, von dem er möchte, daß es sein Wille sein solle, heimlich in Fesseln schlug. — So war der Anfang. Was dann folgte, geschah automatisch. Wie der Hecht mechanisch zubeißen muß, — ob er will oder nicht — wenn ein blitzender Gegenstand zu rechter Zeit vorüberschwimmt.

Das Verschachern meiner Mutter ergab sich für Wassertrum als natürliche Folge. Es befriedigte den Rest der in ihm schlummernden Eigenschaften: die Gier nach Gold und die perverse Wonne an der Selbstqual. — — — Verzeihen Sie, Meister Pernath,“ — Charouseks Stimme klang plötzlich so hart und nüchtern, daß ich erschrak, — „verzeihen Sie, daß ich so furchtbar gescheit daherrede, aber wenn man an der Universität ist, kommt einem eine Menge vertrottelter Bücher unter die Hände; unwillkürlich verfällt man da in eine teppenhafte Ausdrucksweise.“ —

Ich zwang mich ihm zu Gefallen zu einem Lächeln; innerlich verstand ich gar wohl, daß er mit dem Weinen kämpfte.

Irgendwie muß ich ihm helfen, überlegte ich, wenigstens seine bitterste Not zu lindern versuchen, soweit das in meiner Macht steht. Ich nahm unauffällig die Hundertguldennote, die ich noch zu Hause hatte, aus der Kommodenschublade und steckte sie in die Tasche.

„Wenn Sie später einmal in eine bessere Umgebung kommen und Ihren Beruf als Arzt ausüben, wird Frieden bei Ihnen einziehen, Herr Charousek;“ sagte ich, um dem Gespräch eine versöhnliche Richtung zu geben, — „machen Sie bald Ihr Doktorat?“

„Demnächst. Ich bin es meinen Wohltätern schuldig. Zweck hat’s ja keinen, denn meine Tage sind gezählt.“

Ich wollte den üblichen Einwand machen, daß er wohl zu schwarz sehe, aber er wehrte lächelnd ab:

„Es ist das beste so. Es muß überdies kein Vergnügen sein, den Heilkomödianten zu mimen und sich zu guter Letzt noch als diplomierter Brunnenvergifter einen Adelstitel zuzuziehen. — — Andererseits,“ — setzte er mit seinem galligen Humor hinzu, — „wird mir leider jedes weitere segensreiche Wirken hier im Diesseits-Ghetto ein für allemal abgeschnitten sein.“ Er griff nach seinem Hut. „Jetzt will ich aber nicht länger stören. Oder wäre noch etwas zu besprechen in der Angelegenheit Savioli? Ich denke nicht. Lassen Sie mich jedenfalls wissen, wenn Sie etwas Neues erfahren. Am besten, Sie hängen einen Spiegel hier ans Fenster, als Zeichen, daß ich Sie besuchen soll. Zu mir in den Keller dürfen Sie auf keinen Fall kommen: Wassertrum würde sofort Verdacht schöpfen, daß wir zusammenhalten. — Ich bin übrigens sehr neugierig, was er jetzt tun wird, wo er gesehen hat, daß die Dame zu Ihnen gekommen ist. Sagen Sie ganz einfach, sie hätte Ihnen ein Schmuckstück zu reparieren gebracht, und wenn er zudringlich wird, spielen Sie eben den Rabiaten.“

Es wollte sich keine passende Gelegenheit ergeben, Charousek die Banknote aufzudrängen; ich nahm daher das Modellierwachs wieder vom Fensterbrett und sagte: „Kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück die Treppen hinunter. — Hillel erwartet mich,“ log ich.