Er stutzte:

„Sie sind mit ihm befreundet?“

„Ein wenig. Kennen Sie ihn? — — Oder mißtrauen Sie ihm,“ — ich mußte unwillkürlich lächeln — „vielleicht auch?“

„Da sei Gott vor!“

„Warum sagen Sie das so ernst?“

Charousek zögerte und dachte nach:

„Ich weiß selbst nicht warum. Es muß etwas Unbewußtes sein: so oft ich ihm auf der Straße begegne, möchte ich am liebsten vom Pflaster heruntertreten und das Knie beugen wie vor einem Priester, der die Hostie trägt. — Sehen Sie, Meister Pernath, da haben Sie einen Menschen, der in jedem Atom das Gegenteil von Wassertrum ist. Er gilt z. B. bei den Christen hier im Viertel, die, wie immer, so auch in diesem Fall falsch informiert sind, als Geizhals und heimlicher Millionär und ist doch unsagbar arm.“

Ich fuhr entsetzt auf: „arm?“

„Ja, womöglich noch ärmer als ich. Das Wort ‚nehmen‘ kennt er, glaub’ ich, überhaupt nur aus Büchern; aber wenn er am Ersten des Monats aus dem ‚Rathaus‘ kommt, dann laufen die jüdischen Bettler vor ihm davon, weil sie wissen, er würde dem nächsten besten von ihnen seinen ganzen kärglichen Gehalt in die Hand drücken und ein paar Tage später — samt seiner Tochter selber verhungern. — Wenn’s wahr ist, was eine uralte talmudische Legende behauptet: daß von den zwölf jüdischen Stämmen zehn verflucht sind und zwei heilig, so verkörpert er die zwei heiligen und Wassertrum alle zehn andern zusammen. — Haben Sie noch nie bemerkt, wie Wassertrum sämtliche Farben spielt, wenn Hillel an ihm vorübergeht? Interessant, sag’ ich Ihnen! Sehen Sie, solches Blut kann sich gar nicht vermischen; da kämen die Kinder tot zur Welt. Vorausgesetzt, daß die Mütter nicht schon früher vor Entsetzen stürben. — Hillel ist übrigens der einzige, an den sich Wassertrum nicht herantraut; — er weicht ihm aus wie dem Feuer. Vermutlich, weil Hillel das Unbegreifliche, das vollkommen Unenträtselbare, für ihn bedeutet. Vielleicht wittert er in ihm auch den Kabbalisten.“

Wir gingen bereits die Stiegen hinab.