„Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabbalisten gibt — daß überhaupt an der Kabbala etwas sein könnte?“ fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.
Ich wiederholte meine Frage.
Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus Kistendeckeln zusammengenagelt war:
„Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn’s dunkel wird und er allein ist mit den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im ‚Gesang‘, wie er es nennt, damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, — das heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer seines Seelenzustandes für — preußische Schlachthymnen oder dergleichen hält.“
Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen sangen dazu:
„Frau Pick,
Frau Hock,
Frau Kle — pe — tarsch,
se stehen beirenond
und schmusen allerhond — —“