„Geben Sie denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, Hillel?“ fragte ich.

Er schüttelte lächelnd den Kopf: „Mir scheint, Sie sind über Nacht ein Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da ist freilich schwer streiten.“

Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.

„Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen,“ fuhr er in verändertem Tone fort, „ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling — ich meine die Dame — augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es heißt zwar: ‚der kluge Mann baut vor‘, aber der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß dann von ihm ausgehen, — ich tue keinen Schritt, er muß herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig, — und dann will ich mit ihm reden. An ihm wird’s sein, sich zu entscheiden, ob er meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in Unschuld.“

Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.

„Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns,“ fielen mir Mirjams Worte ein.

Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und — gehen.

Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen möchte und nicht kann.

Angst

Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine Wirtsstube „Zum alten Ungelt“ essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, — wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.