Wie im Rausch saß ich an Angelinas Seite. Wir fuhren in rasendem Trab durch die menschenüberfüllten Straßen.

Eine Brandung des Lebens rings um mich, daß ich, halbbetäubt, nur noch die kleinen Lichtflecke in dem Bilde, das an mir vorüberhuschte, unterscheiden konnte: blitzende Juwelen in Ohrringen und Muffketten, blanke Zylinderhüte, weiße Damenhandschuhe, einen Pudel mit rosa Halsschleife, der kläffend in die Räder beißen wollte, schäumende Rappen, die uns entgegensausten in silbernen Geschirren, ein Ladenfenster, drin schimmernde Schalen voll Perlschnüren und funkelnden Geschmeiden, — Seidenglanz um schlanke Mädchenhüften.

Der scharfe Wind, der uns ins Gesicht schnitt, ließ mich die Wärme von Angelinas Körper doppelt sinnverwirrend empfinden.

Die Schutzleute an den Kreuzungen sprangen respektvoll zur Seite, wenn wir an ihnen vorüberjagten.

Dann ging’s im Schritt über das Quai, das eine einzige Wagenreihe war, an der eingestürzten steinernen Brücke vorbei, umstaut vom Gewühl gaffender Gesichter.

Ich blickte kaum hin: — das kleinste Wort aus dem Munde Angelinas, ihre Wimpern, das eilige Spiel ihrer Lippen, — alles, alles war mir unendlich viel wichtiger, als zuzusehen, wie die Felstrümmer dort unten den antaumelnden Eisschollen die Schultern entgegenstemmten. —

Parkwege. Dann — gestampfte, elastische Erde. Dann Laubrascheln unter den Hufen der Pferde, nasse Luft, blätterlose Baumriesen voll von Krähennestern, totes Wiesengrün mit weißlichen Inseln schwindenden Schnees, alles zog an mir vorbei wie geträumt.

Nur mit ein paar kurzen Worten, fast gleichgültig, kam Angelina auf Dr. Savioli zu sprechen.

„Jetzt, wo die Gefahr vorüber ist,“ sagte sie mit entzückender, kindlicher Unbefangenheit, „und ich weiß, daß es ihm auch wieder besser geht, kommt mir alles das, was ich mitgemacht habe, so gräßlich langweilig vor. — Ich will mich endlich einmal wieder freuen, die Augen zumachen und untertauchen in dem glitzernden Schaum des Lebens. Ich glaube, alle Frauen sind so. Sie gestehen es bloß nicht ein. Oder sind sie so dumm, daß sie es selbst nicht wissen. Meinen Sie nicht auch?“ Sie hörte gar nicht hin, was ich darauf antwortete. „Übrigens sind mir Frauen vollständig uninteressant. Sie dürfen es natürlich nicht als Schmeichelei auffassen: aber — wahrhaftig, die bloße Nähe eines sympathischen Mannes ist mir im kleinen Finger lieber, als das anregendste Gespräch mit einer noch so gescheiten Frau. Es ist ja schließlich doch alles dummes Zeug, was man da zusammenschwätzt. — Höchstens: das bißchen Putz — na und! Die Moden wechseln ja nicht gar so häufig. — — Nicht wahr, ich bin leichtsinnig?“, fragte sie plötzlich kokett, daß ich mich, bestrickt von ihrem Reiz, zusammennehmen mußte, nicht ihr Köpfchen zwischen meine Hände zu nehmen und sie in den Nacken zu küssen, — „sagen Sie, daß ich leichtsinnig bin!“

Sie schmiegte sich noch dichter an und hängte sich in mich ein.