„Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben“, erklärte Laponder. „Der Kreis der bläulich strahlenden Menschen, der Sie umstand, war die Kette der ererbten ‚Iche‘, die jeder von einer Mutter Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts ‚Einzelnes‘, — sie soll es erst werden, und das nennt man dann: ‚Unsterblichkeit‘; Ihre Seele ist noch zusammengesetzt aus vielen ‚Ichen‘ — so, wie ein Ameisenstaat aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste vieler tausend Vorfahren in sich: — die Häupter Ihres Geschlechtes. Bei allen Wesen ist es so. Wie könnte denn ein Huhn, das aus einem Ei künstlich erbrütet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? — Das Vorhandensein des ‚Instinktes‘ verrät die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der Seele. — Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.“

Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam über den „Hermaphroditen“ gesagt hatte.

Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, daß Laponder weiß geworden war wie der Kalk an der Wand und Tränen über seine Wangen liefen.

Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging in der Zelle auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben würde.

Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf, ihn zu überzeugen, wie dringend nötig es wäre, den Richtern gegenüber auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.

„Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hätten!“, schloß ich.

„Aber ich mußte doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt“, sagte er naiv.

„Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als — als einen Lustmord?“, fragte ich verblüfft.

„Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewiß. — Sehen Sie: als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte ich die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu lügen oder nicht zu lügen. — Als ich den Lustmord beging — — bitte, ersparen Sie mir die Details: es war so gräßlich, daß ich die Erinnerung nicht wieder aufleben lassen möchte — — als ich den Lustmord beging, da hatte ich keine Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem Bewußtsein handelte, so hatte ich dennoch keine Wahl: Irgend etwas, dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war stärker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde, ich hätte gemordet? — Nie habe ich getötet — nicht einmal das kleinste Tier, — und jetzt wäre ich es schon gar nicht imstande.

Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden, und auf der Unterlassung stünde der Tod — ähnlich wie es im Krieg der Fall ist, — augenblicklich hätte ich mir den Tod verdient. — Weil mir keine Wahl bliebe. Ich könnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich den Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.“