Sie war fast ganz vermummt in einen kostbaren Pelz, aber schon am Klang ihrer Stimme hatte ich sie wiedererkannt als dieselbe, die damals voll Entsetzen vor Wassertrum in mein Zimmer in der Hahnpaßgasse flüchtete. Ich war auch nicht erstaunt darüber, denn ich hatte niemand anders erwartet.
Meine Augen hingen an ihrem Gesicht, das in der Dämmerung der Mauernische wohl noch blasser schien, als es in Wirklichkeit sein mochte. Ihre Schönheit benahm mir fast den Atem, und ich stand wie gebannt. Am liebsten wäre ich vor ihr niedergefallen und hätte ihre Füße geküßt, daß sie es war, der ich helfen sollte, daß sie mich dazu erwählt hatte.
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„Vergessen Sie, ich bitte Sie von Herzen darum, — wenigstens so lange wir hier sind — die Situation, in der Sie mich damals gesehen haben,“ sprach sie gepreßt weiter, „ich weiß auch gar nicht, wie Sie über solche Dinge denken — —“
„Ich bin ein alter Mann geworden, aber kein einziges Mal in meinem Leben war ich so vermessen, daß ich mich Richter gedünkt hätte über meine Mitmenschen“, war das einzige, was ich hervorbrachte.
„Ich danke Ihnen, Meister Pernath“, sagte sie warm und schlicht. „Und jetzt hören Sie mich geduldig an, ob Sie mir in meiner Verzweiflung nicht helfen oder wenigstens einen Rat geben können.“ — Ich fühlte, wie eine wilde Angst sie packte, und hörte ihre Stimme zittern. — „Damals — — im Atelier — — — damals brach die schreckliche Gewißheit über mich herein, daß jener grauenhafte Oger mir mit Vorbedacht nachgespürt hat. — Schon durch Monate war mir aufgefallen, daß, wohin ich auch immer ging, — ob allein, oder mit meinem Gatten, oder mit — — — mit — mit Dr. Savioli, — stets das entsetzliche Verbrechergesicht dieses Trödlers irgendwo in der Nähe auftauchte. Im Schlaf und im Wachen verfolgten mich seine schielenden Augen. Noch macht sich ja kein Zeichen bemerkbar, was er vorhat, aber um so qualvoller drosselt mich nachts die Angst: wann wirft er mir die Schlinge um den Hals!
Anfangs wollte mich Dr. Savioli damit beruhigen, was denn so ein armseliger Trödler wie dieser Aaron Wassertrum überhaupt vermöchte — schlimmsten Falles könnte es sich nur um eine geringfügige Erpressung oder dergleichen handeln, aber jedesmal wurden seine Lippen weiß, wenn der Name Wassertrum fiel. Ich ahne: Dr. Savioli hält mir etwas geheim, um mich zu beruhigen, — irgend etwas Furchtbares, was ihm oder mir das Leben kosten kann.
Und dann erfuhr ich, was er mir sorgsam verheimlichen wollte: daß ihn der Trödler mehrere Male des Nachts in seiner Wohnung besucht hat! — Ich weiß es, ich spüre es in jeder Faser meines Körpers: es geht etwas vor, das sich langsam um uns zusammenzieht wie die Ringe einer Schlange. — Was hat dieser Mörder dort zu suchen? Warum kann Dr. Savioli ihn nicht abschütteln? Nein, nein, ich sehe das nicht länger mit an; ich muß etwas tun. Irgend etwas, ehe es mich in den Wahnsinn treibt.“
Ich wollte ihr ein paar Worte des Trostes entgegnen, aber sie ließ mich nicht zu Ende sprechen.
„Und in den letzten Tagen nahm der Alb, der mich zu erwürgen droht, immer greifbarere Formen an. Dr. Savioli ist plötzlich erkrankt, — ich kann mich nicht mehr mit ihm verständigen — darf ihn nicht besuchen, wenn ich nicht stündlich gewärtigen soll, daß meine Liebe zu ihm entdeckt wird —; er liegt in Delirien, und das einzige, was ich erkundigen konnte, ist, daß er sich im Fieber von einem Scheusal verfolgt wähnt, dessen Lippen von einer Hasenscharte gespalten sind: — Aaron Wassertrum!