Ich weiß, wie mutig Dr. Savioli ist; um so entsetzlicher — können Sie sich das vorstellen? — wirkt es auf mich, ihn jetzt gelähmt vor einer Gefahr, die ich selbst nur wie die dunkle Nähe eines grauenhaften Würgengels empfinde, zusammengebrochen zu sehen.
Sie werden sagen, ich sei feige, und warum ich mich denn nicht offen zu Dr. Savioli bekenne, alles von mir würfe, wenn ich ihn doch so liebe —: alles, Reichtum, Ehre, Ruf und so weiter, aber —“ sie schrie es förmlich heraus, daß es widerhallte von den Chorgalerien, — „ich kann nicht! — Ich hab’ doch mein Kind, mein liebes, blondes, kleines Mädel! Ich kann doch mein Kind nicht hergeben! — Glauben Sie denn, mein Mann ließe es mir!? Da, da, nehmen Sie das, Meister Pernath“ — sie riß im Wahnwitz ein Täschchen auf, das vollgestopft war mit Perlenschnüren und Edelsteinen — „und bringen Sie es dem Verbrecher; — ich weiß, er ist habsüchtig — er soll sich alles holen, was ich besitze, aber mein Kind soll er mir lassen. — Nicht wahr, er wird schweigen? — So reden Sie doch um Jesu Christi willen, sagen Sie nur ein Wort, daß Sie mir helfen wollen!“
Es gelang mir mit größter Mühe, die Rasende wenigstens so weit zu beruhigen, daß sie sich auf eine Bank niederließ.
Ich sprach zu ihr, wie es mir der Augenblick eingab. Wirre, zusammenhanglose Sätze.
Gedanken jagten dabei in meinem Hirn, so daß ich selbst kaum verstand, was mein Mund redete, — Ideen phantastischer Art, die zusammenbrachen, kaum daß sie geboren waren.
Geistesabwesend haftete mein Blick auf einer bemalten Mönchsstatue in der Wandnische. Ich redete und redete. Allmählich verwandelten sich die Züge der Statue, die Kutte wurde ein fadenscheiniger Überzieher mit hochgeklapptem Kragen, und ein jugendliches Gesicht mit abgezehrten Wangen und hektischen Flecken wuchs daraus empor.
Ehe ich die Vision verstehen konnte, war der Mönch wieder da. Meine Pulse schlugen zu laut.
Die unglückliche Frau hatte sich über meine Hand gebeugt und weinte still.
Ich gab ihr von der Kraft, die in mich eingezogen war in der Stunde, als ich den Brief gelesen hatte, und mich jetzt abermals übermächtig erfüllte, und ich sah, wie sie langsam daran genas.
„Ich will Ihnen sagen, warum ich mich gerade an Sie gewendet habe, Meister Pernath“, fing sie nach langem Schweigen leise wieder an. „Es waren ein paar Worte, die Sie mir einmal gesagt haben — und die ich nie vergessen konnte die vielen Jahre hindurch —“