Vor vielen Jahren? Mir gerann das Blut.

„— — Sie nahmen Abschied von mir — ich weiß nicht mehr, weshalb und wieso, ich war ja noch ein Kind, — und Sie sagten so freundlich und doch so traurig:

‚Es wird wohl nie die Zeit kommen, aber gedenken Sie meiner, wenn Sie je im Leben nicht aus noch ein wissen. Vielleicht gibt mir Gott der Herr, daß ich es dann sein darf, der Ihnen hilft.‘ — Ich habe mich damals abgewendet und rasch meinen Ball in den Springbrunnen fallen lassen, damit Sie meine Tränen nicht sehen sollten. Und dann wollte ich Ihnen das rote Korallenherz schenken, das ich an einem Seidenband um den Hals trug, aber ich schämte mich, weil das gar so lächerlich gewesen wäre.“ — — —

Erinnerung!

— Die Finger des Starrkrampfes tasteten nach meiner Kehle. Ein Schimmer wie aus einem vergessenen, fernen Land der Sehnsucht trat vor mich — unvermittelt und schreckhaft: Ein kleines Mädchen in weißem Kleid und ringsum die dunkle Wiese eines Schloßparks, von alten Ulmen umsäumt. Deutlich sah ich es wieder vor mir.

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Ich mußte mich verfärbt haben; ich merkte es an der Hast, mit der sie fortfuhr: „Ich weiß ja, daß Ihre Worte damals nur der Stimmung des Abschieds entsprangen, aber sie waren mir oft ein Trost und — und ich danke Ihnen dafür.“

Mit aller Kraft biß ich die Zähne zusammen und jagte den heulenden Schmerz, der mich zerfetzte, in die Brust zurück.

Ich verstand: Eine gnädige Hand war es gewesen, die die Riegel vor meiner Erinnerung zugeschoben hatte. Klar stand jetzt in meinem Bewußtsein geschrieben, was ein kurzer Schimmer aus alten Tagen herübergetragen: Eine Liebe, die für mein Herz zu stark gewesen, hatte für Jahre mein Denken zernagt, und die Nacht des Irrsinns war damals der Balsam für meinen wunden Geist geworden.

Allmählich senkte sich die Ruhe des Erstorbenseins über mich und kühlte die Tränen hinter meinen Augenlidern. Der Hall von Glocken zog ernst und stolz durch den Dom, und ich konnte freudig lächelnd der in die Augen sehen, die gekommen war, Hilfe bei mir zu suchen.