Aus der alten Truhe kriecht langsam ein scheußlicher Wurm. — Ein Blutegel von gigantischer Form. — Dunkelgelb mit schwarzen Flecken, saugt er sich die Zellen entlang am Boden hin. — Bald dick werdend, dann wieder dünn, bewegt er sich vorwärts und tastet und sucht. — Am Kopfe seitlich in jeder Höhle starren fünf aneinandergequetschte Augäpfel, — ohne Lider und unbeweglich. — Es ist der Schrecken. —

Er schleicht sich zu den Gerichteten und saugt ihnen das warme Blut aus — unterhalb der Kehle, dort wo die große Ader das Leben vom Herzen zum Kopfe trägt. — Und umschlingt mit seinen schlüpfrigen Ringen den warmen Menschenleib. — — —

Jetzt ist er zur Zelle des Mörders gekommen. —

Ein langes grauenhaftes Schreien, ohne Unterbrechung, wie ein einziger nicht endender Ton, dringt auf den Hof. —

Der Aufseher am Türpfosten fährt zusammen und reißt den Torflügel auf. — „Alle, marsch hinauf, auf die Zellen!“ schreit er, und die Gefangenen laufen an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen, die steinernen Treppen hinauf. — Trapp, trapp, trapp — mit plumpen, genagelten Schuhen.

Dann ist es wieder still geworden. — Der Wind fährt in den öden Hofraum hinunter und reißt eine alte Dachluke ab, die klirrend und splitternd auf die schmutzige Erde fällt. — — —

Der Verurteilte kann nur den Kopf bewegen. — Er sieht die weiß getünchten Kerkerwände vor sich. — Undurchdringlich. — Morgen früh um sieben Uhr werden sie ihn holen. — Noch achtzehn Stunden bis dahin. — Und sieben Stunden, dann kommt die Nacht. — — — Bald wird Winter sein, und das Frühjahr kommt und der heiße Sommer. — Dann wird er aufstehen — früh — schon in der Dämmerung —, und auf die Straße gehen, den alten Milchkarren ansehen und den Hund davor ... Die Freiheit —! Er kann ja tun, was er will. —

Da schnürt es ihm wieder die Kehle: — wenn er sich nur bewegen könnte, — verflucht, verflucht, verflucht — und mit den Fäusten an die Mauern schlagen. — Hinaus! — — — Alles zerbrechen und in die Riemen beißen. — Er will jetzt nicht sterben — will nicht — will nicht! — Damals hätten sie ihn hängen dürfen, als er ihn ermordet hat, — den alten Mann, — der schon mit einem Fuß im Grabe stand. — — — Jetzt hätte er es doch nicht mehr getan! — — — Der Verteidiger hat das nicht erwähnt. — Warum hat er es den Geschworenen nicht selbst zugerufen?! — Sie hätten dann anders geurteilt. — Er muß es jetzt noch dem Präsidenten sagen. — Der Aufseher soll ihn vorführen. — Jetzt gleich. — — — — Morgen früh ist’s zu spät, da hat der Präsident die Uniform an, und er kann nicht so dicht an ihn heran. — Und der Präsident würde ihn nicht anhören. — Dann ist’s zu spät, man kann die vielen Polizeileute nicht mehr wegschicken. — Das tut der Präsident nicht. — — —

Der Henker legt ihm die Schlinge über den Kopf, — er hat braune Augen und sieht ihm immer scharf auf den Mund. — Sie reißen an, alles dreht sich — halt, halt — er will noch etwas sagen, etwas Wichtiges. — — —

Ob der Aufseher kommen und ihn heute noch losbinden wird von der Bank? — Er kann doch nicht so liegen bleiben die ganzen achtzehn Stunden. — Natürlich nicht, der Beichtvater muß doch noch kommen, so hat er es immer gelesen. Das ist Gesetz. — Er glaubt an nichts, aber nach ihm verlangen wird er, es ist sein Recht. — Und den Schädel wird er ihm einschlagen, dem frechen Pfaffen, mit dem steinernen Krug dort. — — — — Die Zunge ist ihm wie gedörrt. — Trinken will er — er ist durstig. — Himmel, Herrgott! — Warum geben sie ihm nichts zu trinken! — Er wird sich beschweren. — Er wird vortreten und sich beschweren, wenn die Inspektion nächste Woche kommt. — Er wird es ihm schon eintränken, — dem Aufseher, — dem verfluchten Hund! — Er wird so lange schreien, bis sie kommen und ihn losbinden, immer lauter und lauter, daß die Wände einstürzen. — Und dann liegt er unter freiem Himmel, ganz hoch oben, daß sie ihn nicht finden können, wenn sie um ihn herumgehen und ihn suchen. — — — — — — — — Er muß irgendwo herabgefallen sein, deucht ihm, — es hat ihm einen solchen Ruck gegeben durch den Körper. —