Wir alle dachten, Mercedes werde den Schlag nicht verwinden.
— — Wenige Wochen später — im Frühjahr — fuhr sie in ihrem offenen Wagen an mir vorüber. Kein Zug in dem regungslosen Gesicht sprach von ausgestandenem Schmerze. Mir war, als ob eine ägyptische Bronzestatue, die Hände auf den Knien ruhend, den Blick in eine andere Welt gerichtet, und nicht ein lebendes Weib an mir vorbeigefahren sei. — — — Noch im Traume verfolgte mich der Eindruck: Das Steinbild des Memnon mit seiner übermenschlichen Ruhe und den leeren Augen in einer modernen Equipage in das Morgenrot fahrend, — immer weiter und weiter durch purpurleuchtende Nebel und wallenden Dunst der Sonne zu. — Die Schatten der Räder und Pferde unendlich lang — seltsam zerzogen — grauviolett, wie sie im Lichte des Frühmorgens gespenstergleich über die tauignassen Wege zucken.
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Lange Zeit war ich dann auf Reisen und sah die Welt und manches wunderbare Bild, doch haben wenige so auf mich gewirkt. — Es gibt Farben und Formen, aus denen unsere Seele wache, lebendige Träume spinnt. — Das Tönen eines Straßengitters in der Nachtstunde unter unserm Fuß, ein Ruderschlag, eine Duftwelle, die scharfen Profile eines roten Häuserdaches, Regentropfen, die auf unsere Hände fallen, — sie sind oft die Zauberworte, die solche Bilder in unser Empfinden zurückwinken. Es liegt ein tief melancholisches Klingen wie Harfentöne in solchem Erinnerungsfühlen.
Ich kehrte heim und fand Tonio als des Russen Nachfolger bei Mercedes. — Betäubt vor Liebe, gefesselt an Herz — an Sinnen, — gefesselt an Händen, gefesselt an Füßen, — wie jener. — Ich sah und sprach Mercedes oft: dieselbe zügellose Liebe auch in ihr. — Zuweilen fühlte ich wieder ihren Blick forschend auf mir ruhen.
Wie damals in der Orchideen-Nacht.
In der Wohnung Manuels — unseres gemeinsamen Freundes — kamen wir manchmal zusammen, — Tonio und ich. Und eines Tages saß er dort am Fenster — gebrochen. Die Züge verzerrt, wie die eines Gefolterten.
Manuel zog mich schweigend beiseite.
Es war eine merkwürdige Geschichte, die er mir hastig flüsternd erzählte: Mercedes, Satanistin, — eine Hexe —! Tonio hatte es aus Briefen und Schriften, die er bei ihr gefunden, entdeckt. Und die beiden Russen waren von ihr durch die magische Kraft der Imagination, — mit Hilfe von Bologneser Tränen, — ermordet worden. —
Ich habe das Manuskript später gelesen: Das Opfer, heißt es darin, wird zur selben Stunde in Stücke zerschmettert, wenn man die Bologneser Träne, die von ihm im Munde getragen und dann in heißer Liebe verschenkt wurde, in der Kirche beim Hochamt zerbricht.