— — — Sehen Sie, das Fatum blickt auf den Menschen wie eine Schlange, — es gibt kein Entrinnen. — Tonio versank aufs neue in einen Wirbel rasender Leidenschaft zu Mercedes, er schritt an ihrer Seite, — ihr Schatten. — Sie hielt ihn umklammert mit ihrer teuflischen Liebe wie ein Polyp der Tiefsee sein Opfer.
— — — An einem Karfreitag packte das Schicksal zu: Tonio stand frühmorgens im Aprilsturm vor der Kirchentür, barhaupt, in zerrissenen Kleidern, die Fäuste geballt, und wollte die Menge am Gottesdienste hindern. — Mercedes hatte ihm geschrieben — und er war darüber wahnsinnig geworden; — in seiner Tasche fand man ihren Brief, in dem sie ihn um eine Bologneser Träne bat. — —
Und seit jenem Karfreitag steht Tonios Geist in tiefer Nacht.
Der Albino
I
„Sechzig Minuten noch — bis Mitternacht“, sagte ‚Ariost‘ und nahm die dünne, holländische Tonpfeife aus dem Mund.
„Der dort“ — und er wies auf ein dunkles Porträt an der rauchgebräunten Wand, dessen Züge kaum mehr kenntlich waren — „der dort wurde Großmeister gerade vor hundert Jahren weniger sechzig Minuten.“
„Und wann zerfiel unser Orden? — Ich meine, wann sanken wir zu Zechbrüdern herab, wie wir’s jetzt sind, Ariost?“ fragte eine Stimme aus dem dichten Tabakqualm heraus, der den kleinen altertümlichen Saal erfüllte.
Ariost flocht die Finger durch seinen langen weißen Bart, fuhr wie zögernd über die Spitzenhalskrause an seinem samtnen Talar: — — „Es wird in den letzten Dezennien gewesen sein — — — vielleicht — kam es auch nach und nach.“
„Du hast da eine Wunde in seinem Herzen berührt, Fortunat“, flüsterte ‚Baal Schem‘, der Arche-Zensor des Ordens im Ornate der mittelalterlichen Rabbiner, und trat aus dem Dunkel einer Fensternische an den Frager heran zum Tisch. — „Sprich von etwas anderem!“