Nur der fahle Schein der Verwesung, der die Gestalt umgibt, bleibt bestehen.
Leonhard fühlt, wie Starrheit über seinen Körper kriecht, ihm Glied für Glied lähmt, sein Blut stocken macht, wie sein Herz langsamer und langsamer schlägt und endlich erlischt.
Das einzige, mit dem er noch »ich« sagen kann, ist ein winziger Funke irgendwo in der Brust.
Stunden sickern wie zögernd sich lösende Tropfen – dehnen sich zu endlosen Jahren.
Kaum merkbar gewinnt der Umriß der Gestalt Wirklichkeit: unter dem Anhauch dämmernden Morgengrau’s schrumpfen langsam ihre Hände an den ausgebreiteten Armen zu Stümpfen aus morschem Holz, die Totenschädel räumen zaudernd runden staubigen Steinen den Platz.
Mühsam richtet Leonhard sich auf; vor ihm reckt sich in drohender Haltung, mit Fetzen umhüllt, das Gesicht zerbrochene Scherben, eine – bucklige – Vogelscheuche empor.
Die Lippen brennen ihm im Fieber, seine Zunge ist wie verdorrt; neben ihm glimmt noch die Asche des Reisigfeuers unter dem Napf mit dem Rest des giftigen Trankes. Der Quacksalber ist fort, – mit ihm die letzte Barschaft; Leonhard erfaßt es nur mit halbem Sinn: die Eindrücke des nächtlichen Erlebnisses wühlen zu tief durch ihre nagende Innerlichkeit; wohl ist die Vogelscheuche da nicht länger der Herr der Welt: aber der Herr der Welt ist selber nur mehr eine jämmerliche Vogelscheuche, schreckhaft bloß für die Furchtsamen, unerbittlich gegen die Flehenden, mit Tyrannenmacht bekleidet für die, die Sklaven sein wollen und sie mit dem Nimbus der Macht behängen, – ein erbärmliches Zerrbild allen, die frei und stolz sind.
Das Geheimnis des Doktor Schrepfer liegt plötzlich offenbar: die rätselhafte Kraft, die durch ihn wirkt, ist nicht sein eigen, steht auch nicht hinter ihm mit der Tarnkappe. Sie ist die magische Gewalt der Gläubigen, die an sich selbst nicht zu glauben vermögen, sie selber nicht zu gebrauchen wissen, sie auf einen Fetisch übertragen müssen, sei er Mensch, ein Gott, Pflanze, Tier oder Teufel, damit sie wie aus einem Brennspiegel wundertätig zurückstrahle, – ist der Zauberstab des wahren Herrn der Welt, des innersten allgegenwärtigen, alles in sich verschlingenden Ichs, der Quelle, die nur geben und niemals nehmen kann ohne ein machtloses »Du« zu werden, das Ich, auf dessen Geheiß der Raum zerbrechen muß und die Zeit zum goldenen Gesicht ewiger Gegenwart erstarren, – das königliche Zepter des Geistes, gegen das zu sündigen der einzige Frevel ist, der nicht vergeben werden kann – ist die Macht, die kund wird durch den Lichtkreis magischer unzerstörbarer Gegenwart, alles in ihren Urgrund saugt.
Götter und Wesen, Vergangenheit und Zukunft, Schatten und Dämonen verhauchen ihr scheinbares Leben darin. Sie ist die Macht, die keine Grenzen kennt und in dem am stärksten wirkt, der selbst der Größte ist, die immer innen ist und niemals außen – alles, was außen bleibt, sofort zur Vogelscheuche macht.
Die Verheißung des Quacksalbers von der Vergebung der Sünden erfüllt sich an Leonhard: kein Wort, das nicht Wahrheit wird; der Meister ist gefunden: Leonhard ist es selbst.