Wie ein großer Fisch ein Loch in das Netz reißt und entrinnt, so ist er erlöst durch sich selbst von dem Vermächtnis des Fluches – ein Erlöser denen, die ihm folgen wollen.
Alles ist Sünde oder nichts ist Sünde, alle Ichs sind ein gemeinsames Ich, – klar ist er sich dessen bewußt.
Wo lebt die Frau, die nicht zugleich seine Schwester ist, welche irdische Liebe ist nicht zugleich Blutschande, welches weibliche Tier, und sei es das kleinste, darf er töten, ohne nicht Muttermord und Selbstmord zugleich zu begehen? Ist sein eigener Leib etwas anderes als eine Erbschaft von Myriaden von Tieren?
Niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das eine große Ich, das sich als zahllose Ichbilder spiegelt; als große und kleine, klare und trübe, böse und gute, fröhliche, traurige und doch von Leid und Freude nicht berührt wird, in Vergangenheit und Zukunft als immerwährende Gegenwart bestehen bleibt – gleich wie die Sonne nicht schmutzig und nicht runzlig wird, wenn auch ihr Spiegelbild in Pfützen oder sich kräuselnden Wellen schwimmt, und nicht in Vergangenheit hinabsteigt, nicht aus der Zukunft emportaucht, ob nun die Wasser versiegen oder neue aus Regen sich bilden: niemand ist da, der das Schicksal verhängt, als das große gemeinsame Ich – die Ursache: die Sache, die der Urgrund ist.
Wo bleibt da Raum für die Sünde? Der tückische unsichtbare Feind, der vergiftete Pfeile aus der Finsternis schießt, ist dahin; Dämonen und Götzen sind tot, – verreckt wie Fledermäuse am Glanze des Lichts.
Leonhard sieht seine tote Mutter auferstehen mit den ruhelosen Zügen, seinen Vater, seine Schwester und Gattin Sabine: sie sind nur mehr Bilder wie seine eigenen vielen Körper in Kindesgestalt, als Jüngling und Mann; ihr wahres Leben ist unvergänglich und ohne Form, so wie sein eigenes Ich.
Er schleppt sich zu dem Weiher, den er in der Nähe erblickt, um seine brennende Haut zu kühlen; er empfindet die Schmerzen, die seine Eingeweide zerreißen, nicht mehr als die seinen, – so, als seien sie die eines andern.
Vor dem Morgenrot ewiger Gegenwart, die jedem Sterblichen so selbstverständlich dünkt wie das eigene Gesicht und doch so urfremd ist wie das eigene – Gesicht, verbleichen alle Schemen, auch die der leiblichen Qual.
Und wie er die weiche Krümmung der Ufer sinnend betrachtet und die kleinen mit Schilf bestandenen Inseln, überkommt ihn Erinnerung.
Er sieht, daß er wieder daheim im Park seiner Jugend ist.