Eine Wanderung durch die Nebel des Lebens im großen Kreise umher!

Tiefe Zufriedenheit beruhigt sein Herz, Furcht und Grauen sind ausgetilgt, er ist versöhnt mit den Toten und den Lebenden und mit sich selbst.

Das Geschick birgt fortan keine Schrecken für ihn, nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft.

Der goldne Kopf der Zeit hat nur mehr ein einziges Gesicht: die Gegenwart als Gefühl nie endender seliger Ruhe kehrt ihm ihr ewig junges Antlitz zu; die beiden andern sind für immer abgewandt wie die dunkle Hälfte des Mondes von der Erde.

Der Gedanke, daß alles, was sich bewegt, sich zum Kreise schließen muß, daß auch er ein Teil des großen Gesetzes ist, das die Weltenkörper rund macht und rund erhält, bekommt etwas unendlich Tröstliches für ihn; klar erfaßt er den Unterschied zwischen dem Satanszeichen mit den ruhelos laufenden vier Menschenbeinen und dem stillstehenden aufrechten Kreuz. –

Ob seine Tochter wohl noch lebt? Sie muß eine alte Frau sein, kaum zwanzig Jahre jünger als er.

Gelassen schreitet er dem Schlosse zu; der Kiesweg trägt ein buntes Fell aus Fallobst und wilden Blumen, die jungen Birken sind knorrige Riesen in hellen Mänteln, ein schwarzer Trümmerhaufen bedeckt, mit silbernen Unkrautdolden durchwachsen, die Kuppe des Hügels.

Seltsam berührt wandert er in den sonnenheißen Schutthalden umher: eine alte wohlbekannte Welt hebt sich neu in Glanz verklärt aus der Vergangenheit, Bruchstücke, die er findet, da und dort unter verkohltem Gebälk, fügen sich zu einem Ganzen; ein verbogener bronzener Pendel zaubert die braune Uhr der Kinderjahre hinein in wiedergeborene Gegenwart, tausend Blutstropfen alter Qual werden leuchtende rote Sprenkel im Phönixgefieder des Lebens.

Eine Schafherde, von lautlosen Hunden zu breitem grauen Viereck gescheucht, zieht die Wiesen hinunter; er frägt den Hirten nach den Bewohnern des Schlosses, der Mann murmelt etwas von verwunschener Gegend und einem alten Weib, der letzten Bewohnerin der Brandstätte, – einer bösartigen Hexe mit einem Blutmal auf der Stirn wie Kain, die unten im Meiler wohnt, – zieht eilig und mürrisch seines Weges.

Leonhard betritt die Kapelle, die in einem Urwald versteckt liegt: die Tür hängt in den Angeln, nur noch der vergoldete Betstuhl steht schimmelumzogen darin, die Fenster trüb, Altar und Bilder vermodert, das Kreuz auf der erzenen Falltür von Grünspan zerfressen, braunes Moos quillt durch die Fugen.