»Nur das hier,« sagte der Professor ernst und legte ein Bündel Schriften und ein Fläschchen, in dem sich ein totes, weißliches Insekt in der Größe eines Hirschkäfers befand, auf den Tisch, »der chinesische Gesandte hat es mir selbst mit dem Bemerken übergeben, es sei heute auf dem Umweg über Dänemark angekommen.«

»Ich fürchte, er hat schlimme Nachrichten über unsern Kollegen Skoper erfahren«, flüsterte ein bartloser Herr hinter der Hand seinem Tischnachbar zu, einem greisenhaften Gelehrten mit wallender Löwenmähne, der, – wie er selbst, Präparator am naturwissenschaftlichen Museum, – die Brille auf die Stirn geschoben hatte und mit tiefstem Interesse das Insekt in der Flasche betrachtete.

Es war ein seltsames Zimmer, in dem die Herren – sechs an der Zahl und sämtlich Forscher auf dem Gebiet der Schmetterlings- und Käferkunde – saßen.

Ein stumpfer Geruch nach Kampfer und Sandelholz verstärkte aufdringlich den Eindruck des fremdartig Totenhaften, das von den Igelfischen, die an Schnüren von der Decke herabhingen, – glotzäugig, wie abgeschnittene Köpfe gespenstischer Zuschauer, – von den weiß und rot grellbemalten Teufelsmasken wilder Insulanerstämme, von den Straußeneiern, den Hairachen, Narwalzähnen, verrenkten Affenkörpern und all den tausenderlei grotesken Formen einer fernen Zone, ausging.

An den Wänden über braunen, wurmstichigen Schränken, die etwas klösterliches hatten, wie das morsche Licht des Abendrots aus dem verwilderten Museumsgarten herein durch das bauchige Gitterfenster spielte, hingen, liebevoll in Gold gerahmt, gleich ehrwürdigen Ahnenbildern verblaßte Porträts ins Riesenhafte vergrößerter Baumwanzen und Maulwurfsgrillen.

Verbindlich den Arm gekrümmt, verlegenes Lächeln um die Knopfnase und die gelben, kreisrunden Glasaugen, den Zylinderhut des Herrn Präparators auf dem Haupte, beugte sich in der Haltung eines vorsintflutlichen Dorfschulzen, der sich zum erstenmal im Leben photographieren läßt, ein Faultier aus der Ecke, umwimpelt von baumelnden Schlangenhäuten.

Den Schwanz in den dämmerigen Fernen des Ganges geborgen und die edleren Teile laut Wunsch des Unterrichtsministers im Frischlackiertwerden begriffen, starrte der Stolz des Institutes, ein zwölf Meter langes Krokodil, mit treulosem Katzenblick durch die Verbindungstür herein ins Gemach. –

Professor Goclenius hatte Platz genommen, die Schnur von dem Briefbündel gelöst und die einleitenden Zeilen unter Gemurmel durchgeflogen.

»Datiert ist es aus Bhutan – Südosttibet, – und zwar vom 1. Juli 1914, – also vier Wochen vor Kriegsausbruch; der Brief war demnach länger als ein Jahr unterwegs«, setzte er dann laut hinzu. »Kollege Johannes Skoper schreibt hier unter anderem: »Über die reiche Ausbeute, die ich auf meiner langen Reise aus den chinesischen Grenzgebieten durch Assam in das bisher unerforschte Land Bhutan machte, werde ich Ihnen nächstens ausführlich berichten; heute nur kurz über die seltsamen Umstände, denen ich die Entdeckung einer neuen weißen Grille« – Professor Goclenius deutete auf das Insekt in der Flasche – »verdanke, die von den Schamanen zu abergläubischen Zwecken gebraucht und ‘Phak’ genannt wird, ein Wort, das zugleich ein Schimpfname ist für alles, was einem Europäer oder weißrassigen Menschen ähnlich sieht.

Also: Eines Morgens erfuhr ich von lamaistischen Pilgern, die nach Lhasa zogen, es befinde sich unweit meines Lagerplatzes ein sehr hoher, sogenannter Dugpa, – einer jener in ganz Tibet gefürchteten Teufelspriester, die, an ihren scharlachroten Kappen kenntlich, behaupten, direkte Abkömmlinge des Dämons der Fliegenschwämme zu sein. Jedenfalls sollen die Dugpas der uralten tibetischen Religion der Bhons angehören, von der wir so gut wie nichts wissen, und Nachkommen einer fremdartigen Rasse sein, deren Ursprung sich im Dunkel der Zeit verliert. Jener Dugpa, erzählten mir die Pilger und drehten dabei voll abergläubischer Scheu ihre kleinen Gebetmühlen, sei ein Samtscheh Mitschebat, das ist ein Wesen, das man nicht mehr mit dem Namen Mensch bezeichnen dürfe, das ‘binden und lösen’ könne, dem, kurz und gut, infolge seiner Fähigkeit, Raum und Zeit als Wahnvorstellungen zu durchschauen, nichts unmöglich sei auf Erden zu vollbringen. Es gäbe, sagte man mir, zwei Wege, um jene Stufen zu erklimmen, die über das Menschentum hinausführen: den einen, den des ‘Lichtes’ – der Einswerdung mit Buddha – und einen zweiten, entgegengesetzten: den ‘Pfad der linken Hand’, zu dem nur ein geborener Dugpa die Eingangspforte wüßte – ein geistiger Weg voll Grauen und Entsetzlichkeit. Solche ‘geborene’ Dugpas kämen – wenn auch sehr vereinzelt – unter allen Himmelsstrichen vor und wären merkwürdigerweise fast immer die Kinder besonders frommer Leute. ‘Es ist,’ sagte der Pilger, der es mir erzählte, ‘wie wenn die Hand des Herrn der Finsternis ein giftiges Reis aufpfropft auf den Baum der Heiligkeit’, und man wisse nur ein Mittel, an einem Kinde zu erkennen, ob es geistig zum Bunde der Dugpas gehört oder nicht, das ist – wenn der Haarwirbel auf dem Scheitel von links nach rechts, statt umgekehrt, läuft.