‘Ja.’
‘Dann wird es also zwei Meister geben, was?’
Ich triumphierte innerlich, denn offen gestanden verdroß mich der geistige Hochmut des Kerls; jetzt hatte ich ihn in der Falle, glaubte ich (meine nächste Frage hätte gelautet: wenn der eine Meister die Sonne scheinen lassen will und der andere regnen, welcher behält recht?); um so mehr verblüffte mich die sonderbare Antwort, die er mir gab: ‘Wenn ich ein Meister sein werde, dann bin ich doch der Samtscheh Mitschebat. Oder glaubst du, es könnte zwei Dinge geben, die einander vollkommen gleich sind, ohne daß sie ein und dasselbe wären?’
‘Immerhin seid ihr dann zwei und nicht einer; wenn ich euch begegnete, wäret ihr zwei Menschen und nicht einer’, widersprach ich.
Der Tibeter bückte sich, suchte unter den in Menge umherliegenden Kalkspatkristallen einen besonders durchsichtigen aus und sagte spöttisch: ‘Halte das ans Auge und schau den Baum dort an; du siehst ihn nunmehr doppelt, nicht wahr? Aber sind es deshalb – zwei Bäume?’
Ich wußte ihm nicht gleich etwas zu entgegnen, auch wäre es mir schwer gefallen in mongolischer Sprache, deren wir uns zur gegenseitigen Verständigung bedienen mußten, ein so verwickeltes Thema logisch zu erörtern: ich ließ ihm daher seinen Triumph. Innerlich konnte ich aber nicht genug staunen über die geistige Gelenkigkeit dieses Halbwilden mit seinen schiefen Kalmückenaugen und dem schmutzstarrenden Schafspelz. Es ist etwas Seltsames um diese Hochlandsasiaten, äußerlich sehen sie aus wie Tiere, aber rührt man an ihre Seele, kommt der Philosoph zum Vorschein.
Ich griff wieder auf den Ausgangspunkt unseres Gespräches zurück: ‘Du glaubst also, der Dugpa würde mir seine Künste nicht zeigen, weil er die – Verantwortung ablehnt?’
‘Nein, gewiß nicht.’
‘Wenn aber ich die Verantwortung übernähme?!’
Das erstemal, seit ich den Tibeter kannte, geriet er außer Fassung. Eine Unruhe, die er kaum bemeistern konnte, lief über sein Gesicht. Der Ausdruck wilder, mir unerklärlicher Grausamkeit wechselte mit dem eines tückischen Frohlockens. Wir haben in den vielen Monaten unseres Beisammenseins oft wochenlang Todesgefahren aller Art ins Auge geblickt, haben schauerliche Abgründe überschritten auf schwankenden, nur fußbreiten Bambusbrücken, daß mir vor Entsetzen das Herz stillstand, haben Wüsten durchquert und sind fast verdurstet, aber niemals verlor er auch nur eine Minute sein inneres Gleichgewicht. Und jetzt? Was konnte die Ursache sein, daß er mit einemmal so außer sich geriet? Ich sah ihm an, wie in seinem Hirn die Gedanken sich jagten.