Trotzdem ich mir beständig vorsagte, daß es ja nur Insekten gewesen waren, die hier den Tod gefunden hatten, fühlte ich mich doch aufs äußerste angegriffen und einer Ohnmacht nahe, und die Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne her: ‘Er löst und bindet.’
Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte, und begreife es auch heute nicht; es geschah auch nichts weiter, was auffällig gewesen wäre. Warum ich trotzdem noch – vielleicht stundenlang, ich weiß es nicht mehr – sitzen blieb? Der Wille, aufzustehen, war mir abhanden gekommen, ich kann es nicht anders nennen.
Allmählich sank die Sonne, und Landschaft und Wolken nahmen jene schreiend rote und orangegelbe unwahrscheinliche Färbung an, die jeder kennt, der einmal in Tibet war. Man kann den Eindruck des Bildes nur mit den barbarisch bemalten Zeltwänden europäischer Menageriebuden, wie man sie auf Jahrmärkten sieht, vergleichen. –
Ich konnte die Worte nicht loswerden: ‘Er löst und bindet’; nach und nach bekamen sie etwas Schreckhaftes in meinem Hirn; – in der Phantasie verwandelte sich der zuckende Grillenhaufen in Millionen sterbender Soldaten. Der Alp eines rätselhaften, ungeheuerlichen Verantwortungsgefühls, das für mich um so folternder war, als ich in mir vergeblich nach seiner Wurzel suchte, würgte mich.
Dann wieder schien es mir, als sei der Dugpa plötzlich verschwunden, und statt seiner stünde da – scharlachrot und olivgrün die widerwärtige Statue des tibetischen Kriegsgottes.
Und ich kämpfte gegen den Anblick, bis ich die nackte Wirklichkeit wieder vor Augen hatte, aber es war mir nicht genug Wirklichkeit: die Erddünste, die aus dem Boden stiegen, die zackigen Gletschergipfel der Bergriesen am fernen Horizont, der Dugpa mit der roten Kappe, ich selbst in meinen halb europäischen, halb mongolischen Kleidern, dann das schwarze Zelt mit den Spinnenbeinen, – alles konnte doch gar nicht wirklich sein! Wirklichkeit, Phantasie, Vision, was war echt, was Schein? Und mein Denken dazwischen immer von neuem auseinanderklaffend, wenn die drosselnde Angst vor dem unfaßbaren, fürchterlichen Verantwortungsgefühl wieder in mir aufstieg.
Später, viel später – auf der Heimreise – wuchs die Begebenheit in meiner Erinnerung wie eine wuchernde Giftpflanze, die ich vergebens ausreißen will.
Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, dämmert leise in mir eine grauenhafte Ahnung auf, was der Satz bedeuten mag: ‘Er löst und bindet’, und ich suche sie zu ersticken, daß sie nicht zu Wort kommen kann, so wie man ein ausbrechendes Feuer im Keim ersticken möchte. – Aber es hilft nichts, daß ich mich wehre, – im Geiste sehe ich, wie aus dem toten Grillenhaufen ein rötlicher Dunst aufsteigt und zu Wolkengebilden wird, die sich, den Himmel verfinsternd wie die Schreckgespenster des Monsuns, nach Westen wälzen. –
Und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe, überfällt’s mich, – ich – ich – – –«
Hier scheint der Brief plötzlich abgebrochen worden zu sein,« schloß Professor Goclenius; »leider muß ich Ihnen jetzt mitteilen, was ich auf der chinesischen Gesandtschaft über das unerwartete Ableben unseres lieben Kollegen Johannes Skoper im fernen Asien« – – – der Professor kam nicht weiter; ein lauter Schrei der Herren unterbrach ihn: »Unglaublich, die Grille lebt ja noch, jetzt nach einem Jahr! Unglaublich! Einfangen! Sie fliegt davon!« rief alles wild durcheinander. Der Forscher mit der Löwenmähne hatte das Fläschchen geöffnet und das anscheinend tote Insekt herausgeschüttelt.