Einen Augenblick später war die Grille zum Fenster hinausgeflogen in den Garten und die Herren rannten in ihrem Eifer, sie einzufangen, an der Tür den greisen Museumsdiener Demetrius, der ahnungslos hereinkam, um die Lampe anzuzünden, beinahe über den Haufen.
Kopfschüttelnd sah ihnen der Alte durch das Gitterfenster zu, wie sie draußen mit Schmetterlingsnetzen umherjagten. Dann blickte er zum dämmernden Abendhimmel empor und brummte: »Was in der schrecklichen Kriegszeit doch die Wolken für merkwürdige Formen annehmen! Da sieht jetzt eine wieder mal ganz so aus wie ein Mann mit einem dunkeln Gesicht und roter Kappe; wenn er die Augen nicht so weit auseinanderstehen hätte, wäre es fast wie ein Mensch. Wahrhaftig, man könnte noch abergläubisch werden auf seine alten Tage.«
Wie Dr. Hiob Paupersum seiner
Tochter rote Rosen brachte
In vorgerückter Nachtstunde saß in dem bekannten Münchener Prunkcafé »Stefanie«, regungslos vor sich hinstarrend, ein Greis von höchst bemerkenswertem Aussehen. Die zerschlissene, selbständig gewordene Krawatte, sowie die mächtige bis auf den Nacken herabwallende hohe Stirn verrieten den bedeutenden Gelehrten.
Außer einem silbernen schütteren Knebelbarte, der, einem Siebengestirn von Kinnwarzen entspringend, mit seinem unteren Ende gerade noch jene Stelle inmitten der Weste verdeckte, wo bei weltabgewandten Denkern regelmäßig ein Knopf zu fehlen pflegt, besaß der alte Herr nur wenig Nennenswertes an irdischen Gütern.
Genau genommen eigentlich gar nichts mehr.
Um so belebender wirkte es daher auf ihn, als plötzlich der bezwickerte weltmännisch gekleidete Gast mit dem gewichsten schwarzen Schnurrbart, der bislang an dem Tisch in der Ecke schräg gegenüber ein Stück kalten Lachs bissenweise mit dem Messer zum Munde geführt (wobei ein kirschgroßer Brillant an dem elegant weggestreckten kleinen Finger jedesmal prächtig aufblitzte) und zwischendurch forschend gestielte Blicke herübergeworfen hatte, sich mundwischend erhob, das fast menschenleere Zimmer durchmaß, sich vor ihm verbeugte und fragte:
»Ist dem Herrn eine Partie Schach gefällig? – Vielleicht um eine Mark die Partie?«
Farbenglühende Phantasmagorien von Schwelgerei und Üppigkeit aller Art taten sich vor dem geistigen Auge des Gelehrten auf, und noch während sein Herz entzückt raunte: »Dieses Rindvieh hat mir Gott geschickt«, herrschten bereits seine Lippen dem Kellner zu, der soeben angebraust kam, um gewohnheitsmäßig an den elektrischen Glühbirnen eine Reihe umfassender Beleuchtungsstörungen einzuleiten: »Julius, ein Schachbrett«. »Wenn ich nicht irre, habe ich die Ehre mit Herrn Dr. Paupersum?« – begann der Weltmann mit dem gewichsten Schnurrbart das Gespräch.
»Hiob,– – ja, hm, ja, – Hiob Paupersum«, bestätigte der Gelehrte zerstreut, denn er war wie gebannt von der Pracht des Mordssmaragden, der, ein Automobillaternchen darstellend, als Schlipsnadel die Gurgel seines Gegenübers verzierte.