Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Stühle seien leer, doch allmählich unterschied ich, daß in dreien von ihnen Männer saßen, und erkannte, als sich ihre Gesichter zögernd bewegten: im Norden den Herrn Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagräus mit Namen, wie ich aus einem Gespräch, das sie später führten, entnahm), und im Süden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schädel – Doktor Sacrobosco Haselmayer.
Nur der Stuhl im Westen war leer.
Nach und nach mußte wohl auch mein Gehör wach geworden sein, denn Worte wehten zu mir herüber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils solche in deutscher Sprache. –
Ich sah den Fremden sich vorbeugen, Herrn Doktor Haselmayer auf die Stirn küssen und hörte ihn sagen »geliebte Braut«. Es folgte noch ein langer Satz, aber er war zu leise, als daß er mir hätte zu Bewußtsein kommen können.
Dann, plötzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer apokalyptischen Rede:
»Und vor dem Stuhl war ein gläsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. – – – Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf saß, des Name hieß Tod und die Hölle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgten; und ihm ward ein groß Schwert gegeben.«
»Schwert gegeben«, echoete der Herr Doktor Zagräus, da fiel sein Blick auf mich, und er hielt inne und fragte flüsternd die übrigen, ob Verlaß auf mich sei.
»Er ist längst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand«, beruhigte ihn der Herr Magister. »Unser Ritual fordert, daß ein für die Erde Abgestorbener die Fackel hält, wenn wir zusammen sind; er ist wie eine Leiche, trägt – seine Seele in der Hand und glaubt, es sei eine schwelende Lampe.«
Wilder Hohn klang aus den Worten, und plötzlicher Schreck lähmte mein Blut, als ich fühlte, daß ich in Wahrheit kein Glied rühren konnte und starrgeworden war wie ein Toter.
Wieder nahm Herr Doktor Zagräus das Wort und fuhr fort: »Ja, ja, das Hohe Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen gesehen, der auf dem fahlen Pferde sitzt, und hinter ihm das tausendgestaltige Heer der Maschinen – unserer Freunde und Bundesgenossen. Längst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch bleiben die Menschen blind und dünken sich Herren über sie.